Bedürfnisaufschub (Exekutive Funktionen)

Da ich zuletzt gehäuft in Kontakt mit dem Konstrukt der „Exekutiven Funktionen“ in Kontakt gekommen bin und mir zuletzt vor allem der Begriff „Bedürfnisaufschub“ bei Kindern begegnete, muss ich mir heute mal ein paar Gedanken dazu vom Herzen schreiben.

Vorab: Exekutive Funktionen sind ein Thema, das vor allem über den Sport zur Zeit Einzug in Schulen hält. Hier finde ich es ganz übersichtlich zusammengefasst. Die bei Kindern zu fördernden Funktionen sind Inhibition (Bedürfnisaufschub), Arbeitsgedächtnis und Kognitive Flexibilität – und hier merken auch Nicht-Sportlehrkräfte schnell, dass diese nicht nur in der Turnhalle benötigt werden.

Eine weitere Wahrnehmung: Ein Grund, warum viele Lehrkräfte darüber klagen, dass das Unterrichten immer schwieriger wird, ist die fehlende oder schwach ausgeprägte Fähigkeit einiger SuS, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen oder aufzuschieben sowie die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und ihre eigenen ggf. unterzuordnen. Auch Eltern fallen immer häufiger dadurch auf, dass sie nur die Bedürfnisse ihres Kindes im Blick haben und durchsetzen wollen, ohne Rücksicht auf Lehrkräfte, die Klasse oder schulische Belange zu nehmen (diese zu sehen?). Auch ich selbst habe schon oft gestöhnt über solche Vorgänge, eltern- wie kinderseits.

Wohin ich eigentlich möchte, weil es mich bewegt: Mir scheint es, als habe unsere Gesellschaft in großen Teilen verlernt, Bedürfnisse aufzuschieben. Das betrifft bei Weitem nicht nur die Kinder – aber bei denen fällt es in einem so hierarchischen und historischen Rahmen wie Schule eben schneller auf.
Als ich ein Kind war, konnten wir immer genau eine Folge unserer Lieblingsserie schauen und mussten dann auf die nächste Woche warten. Wenn etwas bestellt wurde, wartete man eine vorher unbekannte Zahl an Tagen darauf. Läden schlossen meist um 18 Uhr, vielerorts gab es auch noch Mittagspausen. Wenn ich meine Lieblingsmusik hören wollte, musste ich die entsprechenden CDs kaufen oder sonntags mit dem Kassettenrecorder versuchen, meine Lieblingslieder aus der 1Live-Hitfahrzentrale mitzuschneiden. Wollten wir etwas recherchieren, gingen wir in die Bücherei. Wollten wir einen Film sehen, war die Videothek unser Ziel. Ich könnte diese Aufzählung beliebig lang fortsetzen.
Heute bekomme ich fast alles sofort: Musik, Serien, Filme kann ich streamen, wann und wo ich will. Online erfahre ich zu jedem möglichen Thema eine Menge und zwar sofort. Bestellungen aus dem Netz kommen oft morgen an. Können wir noch Bedürfnisse aufschieben? Halten wir es aus, etwas nicht sofort oder baldmöglichst zu wissen, sehen, hören, erhalten?

Ich beobachte in meiner kleinen Familie, dass weder wir Erwachsenen noch die Kinder viele Bedürfnisse aufschieben müssen. Dennoch habe ich von Beginn an bei meinen Kindern Wert darauf gelegt, dass nicht jeder Wunsch erfüllt wird, dass sie auch mal unbequeme Dinge erledigen, dass sie das Abwägen von Bedürfnissen der Familienmitglieder lernen. Der Kindergarten hat zum Glück genauso gearbeitet und mit den wachsenden Kompetenzen der Kinder mehr von ihnen gefordert. So kann ich zumindest hoffen, dass meine Jungs in der Schule und im Leben drumherum nicht diese Kinder sind, die ihre Interessen rücksichtlos durchsetzen, weil sie einfach kein „nein“ oder „später“ gewöhnt sind.

Im Bekanntenkreis, in der Öffentlichkeit und in den Medien erlebe ich häufig Familien, die das Erfüllen aller Kinderwünsche als oberste Priorität und Erziehungsmaxime anzusehen scheinen. Möglichst viel Spielzeug zu haben, zählt mancherorts als „gute Erziehung“. Den Kindern alle Hürden wegzuräumen (Hilfe, Helikopter!) scheint bei anderen eine gute Elternschaft auszumachen. All dies und unser Vorleben von „ich kann alles sofort haben“ durch uns Erwachsene führen dazu, dass tatsächlich immer öfter Kinder in unseren Klassen sitzen, die einen Bedürfnisaufschub einfach nicht kennen. Was das für die Arbeit mit einer Klasse bedeutet, brauche ich hier niemandem zu erklären.

Ich bin kein Fan von einem weiteren Projekt oder Unterrichtsthema, das wir auf unsere eh schon vollen Lehrpläne obendrauf packen. Das Thema „Exekutive Funktionen“ besticht für mich in seiner Sichtbar- und Bewusstmachung: viele Übungen und Spiele (u.a. im Sportunterricht) fördern die EF. Wenn man diese bewusster einsetzt und mit Reflexionsphasen ergänzt, kann man ganz ohne Extraprogramme sicher viel für seine Klasse gewinnen.

So, gut für heute. Gesellschaftskritik ist immer schwierig.
Katha

9 Gedanken zu „Bedürfnisaufschub (Exekutive Funktionen)

  1. Um was geht es dann? Den Unterschied zwischen Wunsch und Bedürfnis habe ich oben doch beschrieben. Ein weinendes Baby, das Angst alleine hat, zählt bei mir ganz klar als „i need“.

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  2. Hallo! Danke für Ihren Artikel. Einige Gedanken dazu möchte ich jedoch gern loswerden:
    Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen, das wird in Ihrem Artikel leider ein bisschen vermischt. Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Toilettengang, Ruhe, Nähe zu Bindungspersonen etc. lassen sich nur schwer aufschieben. Wir Lehrkräfte machen das im Schulalltag viel zu oft (zumindest sehe ich selten Kolleg:innen, die eine echte Pause machen) und dass das auf Dauer sehr belastend ist, ist klar! Daher finde ich es schwierig von Kindern häufig Bedürfnisaufschub zu erwarten. Einerseits, weil sie es noch lernen müssen, andererseits weil es teilweise nicht gesund ist. Man sollte den Kindern doch vermitteln, dass sie auf sich selbst gut achten müssen und ein gewissen Durchsetzungsvermögen dahingehend ist doch toll! Natürlich muss jedoch auch darauf geschaut werden, dass die Bedürfnisse aller geachtet werden, da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu!
    Was Sie vor allem kritisieren sind die ständig zu erfüllenden Wünsche der Kinder: Ich will in diese Mannschaft, ich will nur dieses Spiel spielen etc. Von materiellen Dingen ganz zu schweigen. Und auch hier haben Sie recht, denn hier sollte man durchaus abwarten können oder auch mit Enttäuschungen umgehen können oder Anderen den Vortritt lassen können oder Kompromisse finden können!

    Liebe Grüße 🙂

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    1. Danke für diese guten Ergänzungen! Ich bin hier einfach mal von dem am meisten verwendeten Begriff „Bedürfnisaufschub“ ausgegangen, da der uns im Alltag geläufig ist.
      LG
      Katha

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  3. Ich danke für diesen Artikel und stimme vollumfänglich zu. Entschleunigung, Geduld, Achtsamkeit uvm. wollen auch von uns Erwachsenen immer wieder bewusst gelebt werden.

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  4. Danke für den Artikel, ich habe mir das noch nie so einfach erklärt. Und ich stimme dir vollumfänglich zu. Ich erlebe es selbst leider so bei meinen Enkeln, obwohl meine Kinder nicht so gross wurden. Es scheint so, als ob es auch in den Elternratgebern von heute propagiert wird, dass die Kinder keine Sekunde allein gelassen werden dürfen und z.B. noch als Babies in den Schlaf geschaukelt werden müssen (nach einem Abendritual allein einschlafen können diese Kinder dann gar nicht mehr). Ich spreche hier von Akademikerkindern, wie es in anderen Familien ist, weiss ich nicht.

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    1. Die heutigen Elternratgeber beziehen sich vor allem auf die Bindungstheorie. Viele Studien haben gezeigt, dass sicher gebundene Kinder mit einem großen Urvertrauen zu den Bezugspersonen besser aufwachsen. Dazu gehört u.a. ein Baby nicht allein zu lassen, wenn es die Erwachsenen braucht. Manche Kinder kommen von Natur aus alleine gut klar beim Schlafen, andere weinen, wenn sie allein sind und wollen gern geschaukelt werden. Wenn Menschen (egal ob groß oder klein) das Bedürfnis nach Nähe haben, dann sollte dies meiner Meinung nach nicht aufgeschoben werden. Liebe Grüße

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      1. Darum geht es nicht. Attachment parenting (auf Deutsch leider sehr unglücklich mit bedürfnisorientierte Erziehung übersetzt) unteorscheidet ganz klar zwischen I want und I need. Leider sind wir mittlerweile fast nur nich bei I want angekommenn und das wird sofort erfüllt.

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