Heute war ich Teilnehmerin und Teilgeberin bei einem Barcamp – nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal so aktiv beteiligt. Eingeladen hatte ein regionales Netzwerk, das sich schulformübergreifend mit Lern- und Prüfungskultur beschäftigt und dabei Duos aus verschiedenen Schulen seit über einem Jahr mit ihren Ideen und Projekten vernetzt.
Besonders bewegt hat mich heute eine Session, die ich mit einer Fragestellung ins Leben gerufen hatte und die zu 45 Minuten intensivstem Austausch führte: Leistungskonzepte (Deutsch) in der Grundschule.
Mein Bezug dazu ist aktuell maximale Irriitiertheit: in der Grundschule haben wir (anders als die Sekundarstufen) in NRW keine Vorgaben außer „in Klasse 3 und 4 gibt es schriftliche Arbeiten“ und dass nicht zwei an einem Tag geschrieben werden dürfen. Nirgendwo (!) steht, dass wir drei Aufsätze (😫), drei Lesetests und drei LZK Rechtschreiben/Grammatik pro Halbjahr schreiben müssen – außer in vielen Leistungskonzepten. Dadurch erlebe ich viel Stress und Druck in den Jahrgangsteams, weil man ja „noch den Lesetest schreiben“ oder „dringend die Vorbereitung für die Reizwortgeschichten hinkriegen“ muss. Viele „schöne Einheiten“ fallen deshalb hinten rüber, weil für diese keine Zeit mehr ist. Gerade LAA berichten davon, dass sie rund um einen UB mal „was Nettes“ durchführen dürfen, dann aber dringend die nächste Schreibeinheit dran ist. Integrativer Deutschunterricht? Pustekuchen! Stattdessen „Gleichschritt, Marsch!“ oder das, was ich Verheftelung nenne und sich oft als individualisierter Unterricht tarnt.
Wie kommt das? Auf die Vorgaben können wir es in diesem Fall nicht schieben – die habe ich ja oben schon erwähnt. Die problematischen Leistungskonzepte sind im wahrsten Sinne des Wortes hausgemacht, da ja jede Schule ihres festlegt. In unserem heutigen Austausch haben wir verschiedene mögliche Faktoren herausgearbeitet, woran es liegt, dass ganze Kollegien sich durch ihre Leistungskozepte ein sehr enges Korsett schnüren:
- ein Gefühl der Sicherheit: je enger die Vorgaben, umso weniger kann man etwas vergessen
- Transparenz für die Lehrkräfte: ich kann meine Jahresplanung an den LZK ausrichten / ich kann das prüfen, was ich später auf dem Zeugnis bewerten muss, vor allem bei Ankreuzzeugnissen
- Transparenz für die Eltern: wir haben ihre Kinder im Blick!
- Absicherung gegenüber Leitung und Eltern: viele schriftlich erhobene Noten erwecken den Anschein von Objektivität und Vergleichbarkeit
- Vorbereitung für die 5. Klasse, indem z.B. dort typisch geforderte Textformen bereits erarbeitet werden
- Diagnosefunktion: der Anspruch, immer zu wissen, was jedes einzelne Kind schon kann
Und, nicht zu vergessen, immer mal wieder auch:
- Das haben wir immer schon so gemacht!

In unserer Runde von sechs Personen haben wir aber auch konkrete Gegenentwürfe und Gedanken gesammelt, wie es auch anders ginge. Grundsätzlich waren wir uns einig, dass sich an der Form von Unterricht etwas ändern sollte (aber auch ändern kann), und dass Leistungskonzepte den Blick mehr auf die Stärken, Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinder lenken sollten, also qualitativ. Aktuell sind sie häufig sehr quantitativ ausgelegt und dadurch tendenziell defizitorientiert (da man eher misst, was das Kind noch nicht kann).
Zudem bleibt die diagnostische Funktion oft auf der Strecke, da LZK am Ende von Unterrichtsreihen geschrieben werden und das Feedback erst kommt, wenn die nächste Reihe schon läuft. Stattdessen wäre es unserer Meinung nach gut, wenn durch standardisierte Tests oder vergleichbare Instrumente die Diagnose objektiv und vergleichbar zentral durchgeführt wird und dadurch mehr Raum im Unterricht für gezielte Förderung bleibt. Etablierte Tests wie die Hamburger Schreibprobe, das Salzburger Lesescreening oder der neu analog zur HSP angelegte Potsdamer Lesetest sind hier äußerst geeignet und bieten teilweise auch eine digitale Auswertung, die sehr klar Förderbereiche ausweist. Das bedeutet für den Unterricht, dass mehr individualisiert werden muss, was bestimmte Bereiche wie das Rechtschreiben angeht. Es bedeutet aber auch, dass ich in meinen Unterrichtsreihen weniger teaching to the test praktizieren muss und viel prozessorientierter an Bewertung herangehen kann (Stichwort formative assessment statt summative assessment).
Damit stehen wir schnell vor der nächsten Hürde: „Wie soll ich denn allein mit 28 Kindern individuellen Unterricht machen? Wie allen gerecht werden?“ Das sind absolut berechtigte Fragen, das will ich nicht abstreiten. Die Antwort kann aber nicht sein, dann doch lieber Unterricht im Gleichschritt zu machen und davon auszugehen, dass da schon jedes Kind auf seinem Niveau etwas draus mitnehmen kann. Die Antwort kann auch nicht sein, den Deutschunterricht noch mehr zu zerteilen und Lesezeiten, Rechtschreibstunden und Deutschstunden auseinander zu ziehen, so dass vom integrativen Grundgedanken nichts mehr übrig bleibt!
In unserer Sessionrunde sprachen wir über Unterrichtseinheiten, die an einem Oberthema entlang laufen, die Stunden zum Aufbauen von Texten, Feedbackelemente und Raum für Überarbeitung genauso bieten wie thematisch angebundene Leseanlässe und exemplarische Wortschatz-, Rechtschreib- und Grammatikarbeit – aber eben unter dem einen Oberthema. Wir sind damit nah an fächerübergreifendem Unterricht (Verknüpfungen mit Sachunterricht z. B. sind zauberhaft einfach möglich) oder projektorientiertem Lernen.
Wir sprachen außerdem über Wege, wie man auch im Korsett eines eng gefassten Leistungskonzepts „ausbrechen“ kann, zum Beispiel mit Formaten wie der Vier-Wochen-Schreibaufgabe. Ein weiteres, deutlich offeneres Format ist die Freie Schreibzeit, die sich konzeptuell nach Beate Leßmann richtet und so ähnlich auch hier zu finden ist. Zum Schwerpunkt Rechtschreibung stellte eine Teilnehmerin/Teilgeberin vor, wie sie mit der Rechtschreibleiter (ausgehend vom Material des Finken-Verlags) arbeitet: Die Kinder erarbeiten sich eine Stufe, z. B. die Doppelkonsonanten, und verfassen als Abschluss und Kompetenzbeweis einen Lernzettel bzw. ein Merkblatt. Besonders charmant daran fanden wir, dass neben dem inhaltlichen Lernen hier Lernstrategien en passant vermittelt werden, die die Kinder zeitlebens weiter bringen dürften.
Ach, ich könnte ins Schwafeln kommen, weil so viele Anschlussideen in meinem Kopf Samba tanzen. Unser Fazit aus der Session war der Wunsch, dass Grundschulen aus dem „so wie immer“ ausbrechen und ihre durchaus vorhandenen Freiheiten nutzen, um den Kindern mehr Lernen zu ermöglichen und auch sich selbst zu entlasten.
Wenn du bis hierhin gelesen hast: Danke! Vielleicht magst du deine Gedanken oder konkrete Ideen als Kommentar dalassen? Ich würde mich total freuen, weil dieses Thema eins meiner Herzenthemen darstellt.
Katha
Guten Morgen, mit großem Interesse habe ich Deinen Beitrag gelesen. Ich unterrichte in RLP. In meinem letzten Jahrgang habe ich den Kindern Zeiträume angegeben, in denen sie die Arbeit schreiben konnten. Es waren die Eltern, die von den KIndern forderten nicht bis zum letzten Tag zu warten. KollegInnen haben mich nur belächelt, haben es nch nie so gemacht und werden es auch nicht so machen. Die Kinder könnten sich die Aufgaben erzählen etc. Ich habe als Rechtschreibleistung einen Sachtext über ein Wuschthema verfassen lassen. Diesen habe ich gelesen, Fehler mit Lupe markiert und zur Korrektur zurückgegeben. Diese Korrektur habe ich bewertet. Ich habe nur gute Erfahrungen damit gemacht. Eltern haben oft den Einwand: „Aber die weiterführenden Schulen machen es nicht so!“ Ich habe allerdings den Anspruch an die Schüler gestellt, dass sie sich durch die Vorarbeit so mit dem Stoff beschäftigen, dass sie sich sicher fühlen und dann erst schreiben.
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Was für eine schöne Idee! Danke, dass du die hierlässt! Und lass dich nicht entmutigen von den vielen „haben wir noch nie so gemacht“-Menschen!!
LG
Katha
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Liebe Katha,
Du sprichst auch mir aus der Seele. In Bayern gibt es ja in der vierten Klasse explizit 18 Leistungserhebungen in Deutsch, Mathe und HSU, d.h. im Durchschnitt zwei pro Woche, weil es ja auch noch vier Wochen „prüfungsfreie Lernzeit“ geben muss. Da ist schon viel Gleichschritt gefragt, zumal erwartet wird, dass die Parallelklassen zusammenarbeiten und die Leistungserhebungen inhaltsgleich (damit justiziabel) und zeitgleich geschrieben werden müssen. Da ist kaum Raum für alternative Leistungserhebungen, die aber laut Lehrplan schon erlaubt sind. Es wird immer nur abgeprüft, aber eine Förderung im Anschluss findet quasi nicht statt. Kein Wunder, wenn zu viele Kinder am Ende der Grundschulzeit die Mindeststandards nicht erreichen, das ist dem System geschuldet, würde ich sagen. Unsere Aufgabe wäre es , allen Kindern eine Basis zu verschaffen, nicht die auszulesen, die am besten mit den Prüfungssituationen und dem Leistungsdruck umgehen können und die das entsprechende Elternhaus hinter sich haben. Nichtsdestotrotz stürze ich mich auf die guten Ideen , die du verlinkt hast. Ich habe noch anderthalb Jahre Schuldienst vor mir und leider wenig Hoffnung, dass sich an der Schule so schnell etwas Grundlegendes ändert, und das müsste so dringend sein. Vielleicht sollte dein Blog zur Pflichtlektüre werden für die Verantwortlichen. Eigenartigerweise machen es die Jüngeren unter ihnen auch nicht besser. Es wird wohl sein wie im Schuldienst: das haben wir schon immer so gemacht.
Monika
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Liebe Katha,
gerne würde ich das unterstützen, was du schreibst, denn gerade in der Grundschule soll doch die Lernfreude und die Neugier im Vordergrund stehen. Ich bin in Schleswig-Holstein tätig und wir haben hier schon eine Vorgabe, wie viele Leistungsnachweise geschrieben werden müssen. In Klasse 1 und 2 gibt es keine Vorgaben. Für Klasse 3 und 4 müssen in diesen beiden Jahrgängen insgesamt 20 (!) Leistungsnachweise erbracht werden. Von diesen 20 Leistungsnachweisen müssen es mindestens 12 (!) Klassenarbeiten sein. D.h., ich muss mit den Kindern jedes Schuljahr 6 Klassenarbeiten schreiben. Da bleibt inklusive Vorbereitungs-/Lernzeit nicht mehr viel Zeit für „einfach nur Schönes“ übrig…
Viel Dank für deine vielfältigen Ideen und Anregungen hier auf dem Blog, den ich sehr gerne immer wieder lese. Hab ein schönes Wochenende,
liebe Grüße aus dem hohen Norden,
Julia
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