Gedanken zum Welttag des Buches

Am 23. April ist seit 1995 jährlich der Welttag des Buches. Bei Wikipedia kann man alle Gründe nachlesen, warum es genau dieses Datum ist. Für mich als Leseratte ist dieser Tag eigentlich ein Feiertag, an dem ich mich am liebsten den ganzen Tag lesend auf die Hollywoodschaukel zurückziehen würde. An dieser Stelle soll es aber weniger um meine Leseobsession gehen sondern darum, was Lesemotivation und Schule miteinander zu tun haben.

In meinem Bücherregal stehen Klassiker und Modernes direkt nebeneinander ♥️

Durch Zufall findet genau am Welttag des Buches mein Fachseminar zum Kompetenzbereich „Eigenständiges / Individualisiertes Arbeiten“ am inhaltlichen Beispiel „Lesetagebuch“ statt. Deshalb stecke ich gerade wieder in der Literatursichtung und Onlinerecherche zum Themenkomplex Lesen.

Das Problem mit dem Lesen

Dass wir (zu) viele Kinder aus der Schule entlassen, ohne dass sie ausreichend gut lesen können, überrascht wohl niemanden, der hier mitliest. Iglu, Pisa, IQB und Co zeigen seit Jahren, dass etwa die Hälfte der Schüler:innen nur über geringe Lesekompetenzen verfügt. Als Reaktion darauf haben viele Bundesländer viele verschiedene Programme und Erlasse verfasst, die die Leseförderung stärken sollen. In NRW ist dies aktuell die Lesezeit im Rahmen der Fachoffensive Deutsch. Hierzu gibt es die durchaus spannende Homepage Stift, auf der Theorie und Praxis zur Leseförderung vereint sind.

Also eigentlich doch kein Problem? Doch! Zum Einen ist das Lesen unheimlich vielschichtig und eigentlich braucht es ein leseförderliches Elternhaus, um ein guter und motivierter Leser zu werden.
Zum Anderen fokussieren viele Maßnahmen wie die drei Mal wöchentlich durchzuführende Lesezeit sich zu sehr auf den Bereich der Leseflüssigkeit, die durch Lautleseverfahren verbessert werden kann. Meist völlig zusammenhanglos werden dafür Texte zusammengesucht, kopiert, geschrieben oder generiert, die eben die 20 Minuten gut füllen. Dadurch wird der Anspruch des integrativen Deutschunterrichts ad absurdum geführt. Wenn wir hier ein bisschen lesen üben, dort ein wenig im Rechtschreibheft* arbeiten und dann noch am Bildergeschichten-Aufsatz arbeiten, fehlen individuelle Bedeutsamkeit** und inhaltliche Verbundenheit leider völlig.

Lösungsansätze

Das Mehrebenenmodell des Lesens von Cornelia Rosebrock und Daniel Nix (Quelle hier: Stift) zeigt die verschiedenen Ebenen der Lsesförderung hervorragend auf. Es wird deutlich, dass Laut- und Vielleseverfahren eine große Wichtigkeit beim Aufbau von Kohärenz haben, was wiederum Bedingung für genießendes Lesen ist. Es hebt aber auch hervor, dass die Subjektebene und die soziale Ebene des Lesens ebenso wichtig sind und bestimmen, ob ein Kind Leser:in wird oder freiwilliges Lesen lieber meidet.

Damit sind wir wieder bei einem meiner Lieblingsthemen, nämlich dem Literaturunterricht. Gemeint ist damit einerseits die Arbeit an authentischen Texten der Kinderliteratur in Form von Bilderbüchern, Ganzschriften oder Textauszügen. Andererseits geht es auf der methodischen Ebene darum, wie mit diesen Texten umgegangen wird: lesen und Fragen beantworten? Laut vorlesen? Im Tandem lesen? Oder doch eher einen individuellen, emotionalen, handlungs-und produktionsoorientierten Zugang wählen? Ihr kennt die Antwort: Letzteres natürlich.
Kinder brauchen die Möglichkeit, sich in Figuren aus (echten) Geschichten hineinzuversetzen, Lieblingsbücher und -genres zu finden. Dazu müssen sie lesen, vorgelesen bekommen und Raum zum Auseinandersetzen mit der Geschichte bekommen. Wie man selbst vom Lesebuch ausgehend so an Literatur arbeiten kann, habe ich auch schon einmal in diesem Beitrag zum Literaturunterricht mit dem Lesebuch verbloggt. Außerdem findet ihr in der Kategorie „Rezensionen“ jede Menge Bilderbücher, die solche Zugänge ermöglichen.

Bild generiert mit ChatGPT

Ein weiterer großer Batzen der Leseförderung ist die Gelegenheit, in Büchern zu stöbern, Bücher anzulesen und dann vielleicht doch wegzulegen, oder auch Bücher vorgestellt und empfohlen zu bekommen***. Ganz explizit geht es hierbei um jede Form von Büchern, also auch Comics/ Graphic Novels, Pixibücher und Sachbücher. Dazu brauchen Kinder Zugang zu einer Klassen- oder Schulbücherei, einer öffentlichen Bibliothek, aber auch Gelegenheiten dafür, sich gegenseitig Buchtipps zu geben. Ein Weg dazu ist es, wenn nach dem Lesen eines Buches jedes Kind einen Empfehlungszettel ausfüllt, der dann vorn im Buch zu finden ist und anderen Kindern eine Empfehlung gibt. An den Schulen von zwei oder drei meiner LAA haben die Kinder ein sog. Tischbuch, das immer im Fach unter ihrem Tisch liegt und in Pausen, nach fertigen Aufgaben etc. gelesen werden kann – auch eine schöne Idee, die zudem zusätzlich kopierte Arbeitsblätter für Schnelle überflüssig macht.
Auch für die Arbeit mit Ganzschriften bedeutet das, dass nicht immer die ganze Klasse zusammen ein Buch liest, sondern immer wieder auch jedes Kind an einer individuell ausgewählten Lektüre arbeiten kann. Methodisch sind hierfür Lesetagebücher, Lesekisten, Leserollen etc. geeignet. Hier im Blog könnt ihr zwei Ideen bereits nachlesen: eine Distanzvariante des Lesetagebuchs in einer dritten Klasse und Digitale Buchvorstellungen in einer vierten.

Fazit deshalb: Holt die Bücher in die Klasse!

Danke fürs Lesen dieses Beitrags und nun wieder viel Spaß beim Lesen des Buches deiner Wahl!
Katha

* im selben Blogbeitrag habe ich dafür den Begriff der „Verheftelung“ genutzt, der das Dilemma für mich gut ausdrückt.

** vgl. Prinzipien guten Deutschunterrichts nach Bartnitzky im selben Blogbeitrag

*** Ganz besonders wichtig ist es für die Kinder, in deren Familien es keine Bücher gibt und das Lesen keine Rolle spielt. Und diese Kinder haben wir in den Klassen – mancherorts mehr, andernorts weniger.

„Ungleiches ungleich behandeln!“

Diesen Leitsatz hat die Enquete-Kommission „Chancengleichheit in der Bildung“ im Oktober 2025 in ihrem vom Landtag NRW veröffentlichten Bericht formuliert. Er ist somit eine Maßgabe für meine Arbeit als Lehrkraft und Ausbildende. Ich finde das einen ganz wichtigen Satz, der viel mehr Macht hat, als man es drei Worten zutrauen mag. Warum, möchte ich heute versuchen aufzuschreiben.

Vorrede
Anlass für diesen Beitrag ist eine Fortbildung, die ich gerade besucht habe. Es ging um neurodivergente Kinder im Schulalltag und die Fachfrau Leni Schütz bot vielfältige Informationen und Anregungen an.
Das Thema Neurodiversität* begegnet mir neuerdings immer häufiger und gerät zunehmend in meinen Fokus. Kennt ihr das, wenn man für ein Thema so eine Sensibilität entwickelt, dass man es überall erkennt? Bisschen so wie man mit dem Beginn einer Schwangerschaft überall Schwangere, Stillende und Mütter sieht. Auf jeden Fall bin ich auf Instagram defintitv in einer Neurodivergenz-Bubble gelandet, die im deutschsprachigen Raum auf Schule bezogen vor allem von Saskia Niechzial (@liniert.kariert) vertreten wird. Und neuerdings gibt es auch verstärkt Fortbildungsangebote und Literatur zu diesem Thema.

Ein Modethema also? Wie die Me-too-Bewegung oder das Linksgrünversifftsein?
Nein! Es gibt nur einfach mehr Bewusstsein für die neurologisch bedingten Unterschiede zwischen den Menschen, die aufgrund ihrer Überzahl von ca. 90% als normal gelten und den anderen, den Neurodivergenten.

Was ich aus der Fortbildung und bisher Gelesenem mitgenommen habe:
🌍Die WHO hat die Begrifflichkeiten neu geregelt, so dass es jetzt nur noch ADHS als Diagnose gibt und kein ADS mehr sowie die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung (ASS) statt verschiedener Formen von Autismus wie Asperger.
🚨 Bei ADHS sucht der Körper einen Ausgleich für einen zu niedrig empfundenen Dopaminspiegel. Dieser Ausgleich kann u.a. durch Bewegung oder Zuckerzufuhr erfolgen. Unbehandeltes ADHS führt im Jugend- und Erwachsenenalter deutlich häufiger zu Drogenproblemen – ein anderer Weg, den Dopaminspiegel zu erhöhen.
🫱🏼‍🫲🏼 ADHS und ASS gehen oft Hand in Hand.
👩🏼 Vor allem Mädchen und Frauen wurden und werden immer noch seltener mit ADHS oder ASS diagnostiziert, weil ihre Symptome oft anders sind oder sie diese besser kompensieren. Frauen bekamen häufig die Diagnose Depression, obwohl neurobiologisch eher Autismus oder ADHS dahinter steckten.

Was ich auch mitnehme, weil es so ein starkes Bild ist, ist der curb-cut-Effekt. Er zeigt am Beispiel von für Invaliden in Amerika abgesenkten Bordsteinen, dass auch andere Personengruppen von Erleichterungen profitieren können, so wie in besagtem Fall u.a. Menschen mit Gehhilfen oder Kinderwagen. Aktuell sieht man diesen Effekt ganz präsent in der Flut von sprachgesteuerten digitalen Angeboten, die gefühlt jede:r nutzt, obwohl sie eigentlich als assistive Technologie für Sehbehinderte entwicket wurden.

Wenn ich nun diesen Effekt gedanklich mit dem zu Beginn genannten Gedanken „Ungleiches ungleich behandeln“ kombiniere, habe ich ganz klare Leitplanken für meine Arbeit als Lehrkraft. Es geht darum, dass wir nicht (mehr) nach dem Gießkannenprinzip Wissen und Maßnahmen über alle Kindern gleichermaßen ausschütten, sondern mehr darauf achten, welche Bedingungen wir für die Lernenden herstellen. Schule ist ein Lebensort, in dem die Kinder einen nicht unerheblichen Teil ihres Tages verbringen. Viele Kinder können die aktuellen Bedingungen gut verarbeiten und (wie gefordert) Leistung erbringen, manche aber benötigen dafür mehr Zeit, Hilfsmittel oder Rückzugsmöglichkeiten. Und das muss einfach noch viel normaler werden als es vielerorts heute immer noch ist!
Immer wieder höre ich jedoch reflexartig Bedenken von Lehrkräften wie „Aber wenn x das darf, dann wollen das ja alle!“ oder „Wie soll ich den anderen den erklären, warum x etwas Anderes tut?“. Ein bisschen verzweifele ich dann innerlich immer, weil selbst junge Lehrende scheinbar immer noch mit der Vorstellung unterrichten, dass man nur konsequent genug allen das Gleiche anbieten muss, um am Ende erfolgreiche Lernende zu haben (was auch immer man sich darunter vorstellt).

Dabei ist es doch nicht erst seit gestern klar, dass verschiedene Kinder verschieden lernen, verschieden schnell lernen, verschiedene Stärken haben, sich verschieden gut selbst organisieren können, überhaupt halt ganz verschiedene Lern- und Lebensvoraussetzungen mitbringen. Gerade bei Kindern mit ADHS oder ASS geht es eben auch nicht darum, dass „die sich mal ein bisschen zusammenreißen“, sondern darum, wie ich als Lehrkraft die Rahmenbedingungen so gestalten kann, dass Lernen für diese Kinder möglich wird. (Gern wird hier auf das Beispiel einer Seh- oder Hörschwäche zurückgegriffen: bei Kindern mit diesen Problemen sind Hilfsmittel wie Brillen oder Hörgeräte/Mikrofone ganz selbstverständlich vorstellbar.)

Hier mal eine Auswahl meiner liebsten Internetfunde zum Thema Diversität, wenn auch nicht explizit Neurodivergenz (sorry für das schlechte Quellenmanagement):

Gern genutzt ist auch der Verweis darauf, was man alles nicht dürfe, oder dass etwas so nicht in den Vorgaben stehe. Und hier kommen die mächtigen drei Worte zum Tragen, für die auch die aktuelle Schulministerin aus NRW steht: Wir müssen nicht alle Kinder gleich behandeln. Wir sollen sogar dafür sorgen, dass sie ungleich behandelt werden, wenn das nötig und sinnvoll ist! Förderplan und Nachteilsausgleich sind hier auf jeden Fall zwei Zauberwörter, die schon viel möglich machen – und gleichzeitig andeuten, dass Maßnahmen mit den Erziehungsberechtigten kommuniziert, bestenfalls gemeinsam vereinbart werden. Es gibt aber auch 1000 Kleinigkeiten, die neurodivergenten Kindern den Alltag vereinfachen und somit erfolgreicheres Mitarbeiten fördern: die Möglichkeit, sich auch außerhalb von Pausen bewegen zu können oder Fidgets für Mirkobewegungen nutzen zu dürfen, Rückzugsmöglichkeiten zu haben, klare Strukturen und feste Abläufe, deutliche und visualisierte Arbeitsaufträge zu bekommen, um nur einige zu nennen.

Und wenn wir dann feststellen, dass neben den etwa 10% unserer SuS, die nicht neurotypisch sind, auch andere Kinder positiv auf diese Dinge reagieren, dann ist es doch sogar noch besser. Gleiches gilt für Lernmaterialien und -methoden, die bestenfalls für alle Lernenden wählbar oder zumindest anpassbar sind. Von Beginn an muss den Lernenden klar werden, dass es völlig normal ist, wenn Kinder an unterschiedlichen Dingen unterschiedlich arbeiten**. Dann entsteht bei den Kindern schnell eine sehr inklusive Haltung, in der Rechtfertigungen in der Regel nicht nötig sind. Die braucht es meiner Erfahrung nach allerdings leider noch häufig bei Eltern und noch leiderer auch bei Kolleg:innen). Hier wird noch zu oft nicht verstanden, dass z. B. ein Nachteilsausgleich einem Kind keinen Vorteil verschafft sondern eben nur tut, was er soll: einen Nachteil ausgleichen.

Nehmen wir also nochmal den Leitsatz „Ungleiches ungleich behandeln“ und betrachten wir Schule als Möglichkeitsraum: Wir dürfen viel. Wir dürfen viel mehr, als es in Handreichungen und Vorgaben explizit erwähnt wird. Lasst uns also nicht warten, bis eine Postille kommt, die uns explizit zu Fidgets rät oder flexible Sitzmöglichkeiten erlaubt. Lasst uns den Rahmen unserer Möglichkeiten nutzen und mehr darauf schauen, welche oft kleinen Änderungen das Zusammenleben und -arbeiten verbessern können.

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast. Ich habe mich ein wenig in Rage geschrieben, deshalb wirklich danke. Über deine Gedanken zu dem Geschriebenen würde ich mich wirklich sehr freuen!

Katha

P.S.: Bob Blume schrieb zuletzt, dass Schreiben auch ein Werkzeug fürs Denken ist. Deshalb gibt es diesen sicher nicht perfekten und stellenweise unausgegorenen Blogbeitrag – weil ich thinking out loud mag und gern eure Resonanz hätte.

* Neurodiversität umfasst alle neurotypischen und neurodivergenten Menschen.

** Über meinen Umgang mit dieser Diversität habe ich u.a. hier und hier geschrieben. Und eigentlich fast in jedem Beitrag über meine alte #monsterklasse.

Erzählen zu episodischen Bilderbüchern

Für eine Unterrichtsreihe zum Erzählen brauchte ich zuletzt ein Rahmenthema. Einmal hatte ich solch eine Reihe bereits rund um die Weihnachtswichtel Jule und Jasper gestrickt – das passt aber im Frühjahr eher schlecht. Also habe ich mir eine Liste geschrieben mit möglichen andere Themen, die einen geeigneten Rahmen zum Erzählen von Geschichten bieten. Auch im Austausch mit einem KI-LLM kam ich jedoch zu keinem wirklich zufriedenstellenden Ergebnis, da allen Themen die Identifikationsfiguren oder eine gewisse Konkretheit fehlten.

Schlussendlich landete ich deshalb doch wieder bei der Idee, ein Bilderbuch als Rahmen zu nutzen. Dafür spricht, dass hier eine Figur oder Figuren eingeführt werden, die Ausgangspunkt für eigene Erzählungen der Kinder sein können. Außerdem gibt es viele Bilderbücher, die episodisch aufgebaut sind und dadurch einen sehr konkreten Rahmen bieten, in dem Erzählungen angelegt werden können.

zur Unterstützung ziehe ich im Seminar an dieser Stelle gern Claus Claussen heran, der in seinem Buch „Erzählwerkstatt“ sinngemäß formuliert, dass Schüler:innen immer dann am wenigsten gern erzählen, wenn alle Kinder nacheinander das gleiche erzählen oder der Ausgang der Geschichte von vornherein klar ist.

Hinweis: Wenn ich hier vom Erzählen schreibe, denke ich schwerpunktmäßig an mündliches Erzählen, weil Mündlichkeit eine große Bedeutung hat und Erzählkompetenzen übedingt gefördert gehören. Im Sinne eines erweiterten Textbegriffs kann man die Ideen unten aber auch in schriftlichen Erzählungen nutzen.

Einige episodische Bilderbücher möchte ich euch nun also kurz vorstellen:

„Flunkerfisch“ (Julia Donaldson, Axel Scheffler; Beltz Verlagsgruppe)
Der kleine Flunkerfisch Flori träumt gern, kommt deshalb immer wieder zu spät zur Schule und erfindet fantasievolle Geschichten zu seiner Verspätung. Flori bietet eine liebenswerte Identifikations- und Hauptfigur für eigene Erzählungen der Kinder. Diese können aufgrund der Vorlage sehr fantasievoll sein, müssen dabei aber die Plausibilitätsprüfung des Kontextes der Unterwasserwelt bestehen.
Wer mag, kann die Schulsituation als Erzählrahmen festlegen, so dass jede Geschichte wie im Buch damit beginnt, dass Flori zu spät kommt und flunkert und damit enden, dass Peter Petersfisch die Geschichte gefällt.

„Ich knack die Nuss“ (Paolo Friz, Atlantis Verlag)
Gorillino möchte eine Kokosnuss öffnen, was ziemlich schwierig ist. Viele Tiere wollen ihm helfen und geben Tipps, aber Gorillino will es selbst schaffen. Die Geschichte bietet sehr klar wiederkehrende Sprachstrukturen und bietet sich bereits bei jungen Kindern für ein Erzählvorhaben an. Die Geschichte wird jeweils eher kurz, da es „nur“ um die Begegnung mit einem neuen Tier und dessen Tipp sowie Gorillinos Reaktion geht. Ein perfektes Übungsszenario also, dessen Kohärenz sich leicht reflektieren lässt.

„Olchi-Opas krötigste Abenteuer“ (Erhard Dietl, Oetinger Verlag)
Die Olchis sind ein müllliebender Haufen lustiger Wesen, die ziemlich stark und sehr außergewöhnlich sind. Viele Kinder kennen sie aus Erhard Dietls Büchern oder der Verfilmung. Olchi-Opa und die zuhörenden Olchikinder bieten witzige Identifikationsfiguren, in die die Kinder sich leicht hineinversetzen können. In diesem Buch erzählt Olchi-Opa sehr fantastische Geschichten über verrückte Jobs, die er vor x-hundert Jahren inne hatte. Hier können sich erfahrenere Erzähler:innen fantasievoll austoben, weil Plausibilität quasi nicht gefordert wird. Reflektiert werden kann deshalb am Ende über gute Formulierungen und Ideen.

„Der Geräuschehändler (bekommt Post)“ (Kathrin Rohmann, Jule Wellerdiek; Verlag Knesebeck)
Die beiden Bücher vom Geräuschehändler bestehen aus voneinander eher unabhängigen Kapiteln, die den Laden des Geräuschehändlers als Verknüpfung haben. Die Erzählideen können deshalb sehr offen sein – die Kinder erfinden frei, wer den Laden besucht und Geräusche benötigt. Kriterien für die Erzählungen sind dabei z. B. das Einhalten eines roten Fadens, also inhaltliche Kohärenz, oder auch die sprachliche Ausgestaltung der Geschichte.

„Die Heimkehr der Farben“ (Drew Daywalt, Oliver Jeffers; NordSüd-Verlag)
Duncans Farbstifte haben sich einzeln aufgemacht, die Welt zu erkunden. Sie alle schreiben Duncan eine Postkarte von ihrer Reise. Als Rahmen zum Erzählen ergibt sich hiermit die spannende Perspektive der Farbstifte, die nach Hause zurückkehren wollen. Da sie an beliebigen Orten sein können, haben die Kinder eine große Auswahl an Handlungssträngen. Allerdings geht es hier defintiv um realistische, nachvollziehbare Geschichten, was einen hohen Anspruch an die Kinder darstellt und deshalb auch ein Schwerpunkt der Reflexion sein kann.

„Die zauberhafte Wortverlosung“ (Jutta Degenhardt, Lars Baus; Verlag mixtvision)
Helene und ihre Oma bieten gesammelte Wörter als Lose an, die ganz unterschiedliche Menschen ziehen. Sie träumen sich dann in eine kurze Szene zu dem Wort, die im Buch bildlich dargestellt und „anerzählt“ wird. Da die Impulswörter sehr verschieden sind und ggf. von der eigenen Klasse selbst gesammelt werden können, bietet sich ein sehr lockerer Rahmen zum Erzählen. Inhaltlich gibt es somit wenige Vorgaben, so dass hier ein sprachlicher Fokus vorstellbar ist.

„Rille – die Dschungelfreunde sind los“ (Fee Krämer, Verlag Thienemann-Esslinger)
Der Gorilla Rille soll eigentlich in einen anderen Zoo umgesiedelt werden, landet aber aus Versehen im Dschungel. Dort finder er schnell Freunde, mit denen er in jedem Kapitel des Vorlesebuches ein neues kleines Abenteuer erlebt. Die Tiere bieten den Kindern Identifikationsfiguren, die sie in ihre Geschichten aufnehmen können. Das kann ebenso sicherheit geben wie der thematische Rahmen des Dschungels. Erzählungen können sich in diesem Rahmen recht freu entfalten, müssen aber plausibel sein. Hierzu kann gut Feedback gegeben werden.

Eine Idee, die für alle Erzählungen gilt: Kriterien sind wichtig (vor allem bitte mit inhaltlichem Schwerpunkt, nicht nur rein formal!), ABER es ist für die Entwicklung der Erzählkompetenz auch hervorragend, Erzählgeheimnisse zu sammeln, also Formulierung und Idee, die eine Geschichte besonders gut, spannend, witzig, verständlich, … machen. Die Idee ist ein frecher Diebstahl der Schreibgeheimnisse von Beate Leßmann, funktioniert aber (s.o.: Erweiterter Textbegriff) genauso gut beim mündlichen Erzählen. Neben dem kriteriengeleiteten Feedback, das Kinder sich gegenseitig geben, sollen sie parallel auch auf Erzählgeheimnisse achten, die dann immer wieder gesammelt und aufgehängt werden. Bestenfalls inspirieren sie andere Kinder, diese oder ähnliche Formulierungen oder Kniffe in ihre Erzählungen einzubauen.

Wenn du weitere geeignete Bücher kennst, schreib gern hier oder bei Insta einen Kommentar. Dann kann ich den Beitrag hier noch ergänzen.

Katha

„Du störst!“

Generiert mit ChatGPT

Wenn du diesen Satz noch nie zu einem Kind gesagt hast, brauchst du hier eigentlich nicht weiter zu lesen. Wenn dir dieser Satz aber doch schonmal rausgerutscht ist und dir das nicht gefällt, dann bleib gern hier. In letzter Zeit habe ich mich mit verschiedenen Themen beschäftigt bzw. bin über ganz unterschiedliche Veröffentlichungen gestolpert, die irgendwie immer wieder bei Haltung und Sprache ankommen. Heute möchte ich deshalb hier ein paar Fäden aufnehmen und verknüpfen, die letztendlich zu der Frage führen, wie ich als Lehrkraft meine Sprache reflektiert einsetzen kann. Überall habe ich Links eingebaut, die euch zu jedem Thema weiterführende Lesemöglichkeiten anbieten.

Faden 1: „Growth Mindset“
Der von der Psychologin Carol Dweck geprägte Begriff Growth Mindset beschreibt eine Haltung, die die eigene Entwicklung fokussiert und den Menschen als immer im Wachstum befindlich versteht. Im deutschsprachigen Raum und auf Schule bezogen hat Carolin von St. Ange (Instagram: @learnlearningwithcaroline) viel zur Förderung eines Growth Mindsets veröffentlicht. Die Aussage „Ich kann es NOCH nicht“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Sie zeigt außerdem, dass Sprache einen Unterschied macht, der manchmal ganz klein ist. Im Netz findet man in der Denkrichtung des Growth Mindset häufig sog. Affirmationen, also Mottosätze oder Mantren, die Lernende sich vorsagen oder auch gesagt bekommen sollen. Hier muss man jedoch meines Erachtens gut aufpassen, dass diese Affirmationen keine hohlen Phrasen bleiben, sondern sich auch in der sonstigen pädagogischen Arbeit wiederfinden.

Faden 2: „Neue Autorität“
Schon lange beschäftige ich mich immer wieder mit dem Konzept der Neuen Autorität nach Haim Omer, Psychologe und Autor*. Diese veränderte Sichtweise auf Autorität hat mich als Junglehrerin sehr bewegt und der Blick darauf, wie ich meine Autorität, die ich „qua Amt“ habe, ohne Machtausübung einsetze. Hier war da Buch „Stopp – die Regel gilt“ von Rudi Rhode und Mona Sabine Meis ein echter Gamechanger für mich. (Das empfehle ich auch meinen LAA immer wieder gern.)
Mitgenommen habe ich vor allem, SuS gegenüber meinen Standpunkt fest zu vertreten und dabei dennoch weder in die Rechtfertigungsfalle zu tappen noch mein Gegenüber klein zu machen. Ein gern genutztes Beispiel für diese Herangehensweise ist die Methode „Kaputte Schallplatte“: Statt verschiedene Gründe aufzuzählen, warum ein Kind etwas tun (oder lassen) soll, beharre ich freundlich aber bestimmt darauf, dass es das tut (oder lässt). Kein Raum für Diskussionen.
Mein Lieblingsansatz im Sinne der neuen Autorität ist es, einem störenden Kind zu signalisieren „Ich bin da, auch wenn du schwierig bist“ bzw. „du bist in Ordnung, aber dein Verhalten geht so nicht“.
Auch aus der NA leitet sich die Strategie des Vertagens ab. Sie besagt, dass Konflikte nicht in der Situation geklärt werden sondern zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Zugänglichkeit erhöht ist. Raphael Kirsch erklärt das in dieser Podcastfolge sehr gut. Merksatz hierfür ist „Schmiede das Eisen, solange es kalt ist.“

Faden 3: „Meine Haltung, meine Werte“
Der Beginn des Vorbereitungsdienstes ist in unserem ZfsL im Kernseminar die Zeit, in der wir grundlegend am Themenkomplex Haltung, Werte, Autorität arbeiten. Zuletzt habe ich noch die Themen Mindset (s.o.) und Resilienz eingeflochten. Ein Bewusstsein darüber, welche Werte mir beruflich wichtig sind, führt zu reflektierterem Handeln und Sprechen. Werte wie Freundlichkeit, Offenheit oder Demokratie führen, wenn man sie bewusst lebt, automatisch zu einer darauf ausgerichteten Kommunikation mit Kindern und Kolleg:innen. Apropos Werte: Authentizität wird von vielen Lehrenden als wichtiger Wert genannt. Das führt uns zu…

Faden 4: „Ich-Botschaften“ (inkl. GfK)
Wir alle haben in der Schule oder im Studium verschiedene Kommunikationsmodelle von den Schulz von Thunschen Vier Ohren bis zu Watzlawicks „Man kann nicht nicht kommunizieren“ kennengelernt. Immer wieder landet man bei diesen Modellen bei Ich-Botschaften zum Vermeiden kommunikativer Störungen. Wer klare Wünsche und Bedürfnisse kommuniziert, wird eher anerkannt und erreicht sein Ziel häufiger.
Ein besonders geregeltes (humanistisches) Kommunikationsmodell ist in diesem Rahmen die sog. Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, Schüler von Carl Rogers. GfK kann „sowohl bei der Alltags-Kommunikation als auch bei friedlichen Konfliktlösungen im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein“ (Quelle: siehe Link). In der Grundschule taucht sie verbildlicht als Wolfs- und Giraffensprache immer wieder auf.

Faden 5: Reframing
Eine Technik, die ich schon lange kenne, aber deren Namen ich erst während meiner Coachingausbildung gelernt habe, ist das Reframing, wörtlich: einen neuen Rahmen herstellen, etwas neu rahmen. Hier geht es darum, nicht nur die erste Wahrnehmung einer Situation oder einer Person zu nutzen, sondern verschiedene Perspektiven darauf einzunehmen. Ich hinterfrage aktiv oder angeleitet, welche Hintergründe es wohl zu einem bestimmten Verhalten gibt und kann dadurch oft besser verstehen, warum eine Person so handelt wie sie es tut. Der Leitspruch „Bevor ein Kind Probleme macht, hat es welche“ begleitet mich bereits sehr lange, da ich irgendwie recht feine Antennen für mögliche Ursachen und Hintergründe habe. Viele Studierende und LAA, die ich einen „Lieblingsstörer“ reframen** lasse, berichten danach von einem deutlich verbesserten Verhältnis zu diesem Kind und eben einer veränderten Sicht auf Störungen. In meiner Sprache spiegelt sich Reframing vor allem dadurch wider, dass ich als Lehrkraft weniger feststelle und mehr hinterfrage, was los ist – auch, wenn ich mir eigentlich sicher bin, die Situation durchschaut zu haben.

Alle Fäden führen dazu, über Sprache von Lehrkräften nachzudenken. Mit meinen LAA habe ich deshalb nach den ersten Kernseminarzeiten Ankersätze gesammelt. Das sind Sätze, die ich sammeln und speichern kann, um sie im Alltag, vor allem aber in stressigen Situationen parat zu haben. Somit geht es eindeutig auch um eine Professionalisierung des eigenen Handelns. Inspiriert zu diesem Vorgehen hat mich u.a. ein Fund von Michael Elberth aka Doodleteacher und Saskia Niechzial aka liniertkariert, die gemeinsam SOS-Sätze veröffentlicht haben.
Uns allen im Kernseminar ist beim Sammeln aufgefallen, wie gut wir viele Sätze fanden, dass wir aber in einer kritischen oder stressigen Situation nicht darauf gekommen wären. Deshalb eben die Sammlung! Und hier sind unsere Sätze:

  • Ich habe dich gesehen. Ich komme gleich zu dir, um mit dir zu sprechen.
  • Wir klären das nach der Stunde / gleich / in der Pause / … in Ruhe.
  • Geh bitte schonmal an Ort X. Ich komme zu dir, sobald ich hier die Aufgabe erklärt habe.
  • Ich sehe, dass du gerade wütend / traurig / … bist. Lass uns später mit einem klaren Kopf darüber sprechen, was gerade los war.
  • Ich muss erstmal überlegen, wie wir das lösen können. Dann sprechen wir noch einmal darüber.
  • „Ich habe es gesehen – ich dulde es nicht – ich komme darauf zurück!“ (Haim Omer / Regina Haller: Raus aus der Ohnmacht. Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis, S. 27)
  • Ich habe dich gehört. aber ich rede gerade mit XY. Danach bin ich für dich da.
  • Ich finde es gerade zu laut hier. Ich kann mich so nicht konzentrieren. Und manchen Kindern geht es bestimmt ähnlich.
  • Entschuldigt, dass ich da so geschimpft habe. Ich war überrascht und habe nicht gut reagiert.
  • überhaupt: sich entschuldigen, Fehler eingestehen
  • Es ist ok, dass du grad wütend / traurig / … bist. Was brauchst du gerade, damit es besser wird?
  • Wie kann ich dich bei xy unterstützen?
  • Du bist hier immer Willkommen.
  • Dein Verhalten stört (uns beim Lernen). Statt „Du störst“!
  • Ich habe das Gefühl, du bist gerade sehr aufgewühlt. Wenn du dich bereit fühlst, bin ich für dich da.
  • Tipp: Kommunikation durch das Klassentier, das Klassentier als Helfer, Tröster, Beruhiger einsetzen
  • Manchmal überrollen uns unsere Gefühle, aber ich bin da für dich.
  • Ich glaube daran, dass du das schaffst!
  • Versuch das mal, du schaffst das schon!
  • Lass uns zusammen den ersten Schritt machen, dann schaffst du den Rest auch.
  • Darauf kannst du richtig stolz sein.
  • Das lernen wir noch gemeinsam.
  • generell: Fortschritte sichtbar machen, immer wieder thematisieren

Diese Sätze sind Beispiele, zeigen aber hoffentlich gut die Haltung, die dahinter steckt: Weniger lospoltern, weniger bewerten („We listen, but we don’t judge!„), mehr zuhören und Hilfe anbieten.

Danke fürs Lesen bis hierhin! Ich würde mich sehr über deine Ergänzung freuen – hier oder bei Instagram oder per Mail.
Katha

* Inzwischen findest du im Blog auch eine Rezension zu seinem Buch „Raus aus der Ohnmacht: Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis„, denn meine Vertiefung geht weiter.

** Auf dieser Seite findet ihr auch weitere tolle Visualisierungen von Kristin Wiens, die verschiedenste Stressoren nennen, welche Kinder beeinflussen können. Du findest sie bei den Example stressors.

Jahresabschluss, Rückblick und Neubeginn 2026

Liebe treue Leserinnen und Leser, die auch trotz unsteter Folge an Beiträgen und Rezensionen hier mitlesen! Danke, dass es euch gibt und danke für einige nette, bestärkende Kommentare auf dem Blog!

2025 neigt sich überraschend plötzlich dem Ende entgegen und ich möchte wieder kurz darauf zurückschauen, was alles passiert ist. Denn es war doch ein spannendes Jahr, das ich für mich unter das Motto „Weitergehen“ gesetzt hatte. Und wie es teilweise weiterging!

Im März war ich zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse und durfte dort mit einer meiner liebsten Begleiterinnen referieren (Danke, M.!), vor allem aber staunen und genießen. Auch im September bei der Tagung mobile.schule waren sie und ich dabei und haben wieder zusammen Workshops gegeben. Unter anderem haben wir uns an unser Herzensthema „Ein Plädoyer für Digitalität in der Grundschule“ herangewagt und hoffentlich ein paar Samen unserer eigenen Begeisterung säen können. Verfestigt hat sich spätestens bei diesen Gelegenheiten die Idee, unsere Aktivitäten „öffentlicher“ zu gestalten und gemeinsam grundschulbezogene Fortbildungen anbzubieten. Was meinst du – gute Idee?

Dann gab es relativ spontan im April eine große Veränderung für den kleinen Prima(r)Blog: den Start bei Instagram. Unter dem Handle @primarblog versuche ich seitdem den Spagat zwischen Sichtbarkeit, Qualität und dem Vermeiden von Beliebigkeit, indem ich das meiste auf beiden Plattformen veröffentliche. Für Profis mögen meine knapp 800 Follower:innen in nem guten halben Jahr lächerlich wirken – ich freu mich trotzdem darüber!

Veröffentlicht habe ich insgesamt 55 Beiträge (vor diesem), von denen der beliebteste der über die „Arbeit mit textfreien Bilderbüchern“ war. Überhaupt waren Bilderbücher für mich 2025 immer noch, wieder und sowieso ein Thema. Viele meiner Käufe und Rezensionen waren Bilderbücher, viele Unterrichtsbeispiele in Fortbildungen basierten auf ihnen. Gerade die Verbindung zu digitalen Medien lässt sich im Sinne des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts hervorragend nutzen, da Bilderbücher ansprechen, tolle Inhalte bieten sowie im Umfang überschaubar und somit für alle durchdringbar sind. Hier wird mein Fokus auch im neuen Jahr sicher noch bleiben.

Apropos Rezensionen: Neben Anfragen von Verlagen haben mich dieses Jahr auch mehrfach Autor:innen direkt kontaktiert, was irgendwie seltsam war, aber durch den direkten Austausch auch sehr spannend. Meine Highlights waren 2025 folgende Bücher:
Bilderbuch: Selma, du machst das falsch und Das große Monster-ABC
Vorlesebuch: Nachts in der Bibliothek
Fachbuch: Lernmythen aufgedeckt und (kommt dieser Tage noch) Validieren.

Beruflich-schulisch hielt 2025 einen Umbruch für mich bereit, denn ich habe zum ersten Mal eine Versetzung beantragt und genehmigt bekommen. Nach 16 Jahren hatte ich das Gefühl, an meiner alten Schule alles gegeben zu haben und nichts mehr bewegen zu können. Leider fing ich an der neuen Schule erstmal als Karteileiche an, da aktuell meine Stunden alle der Lehrerausbildung gehören. Aber im neuen Halbjahr werde ich dann auch wirklich etwas mehr Teil des neuen Kollegiums, das ich zum Glück teilweise schon kenne, weil ich früher dort bereits aufgebildet habe.

Beruflich am Seminar gab es wenig Neues, außer dass mein Kernseminar-Team nun auch die engste Kollegin aus dem Fachseminar beinhaltet und wir somit noch etwas enger zusammen arbeiten als zuletzt schon. Oft haben wir es von Frühjahr bis Spätherbst mit dem Rad zur Arbeit geschafft, wo wir dann auf dem gemeinsamen Rückweg quasi direkt eine gute Evaluation des Seminars vornehmen konnten (Danke, W.!). Ich wünsche euch an dieser Stelle auch Kolleg:innen (zumindest eine), mit der ihr die besten Ideen habt, gut denkerisch Pingpong spielen könnt und auch mal loslästern könnt!
Auch haben wir es geschafft, neue Folgen für unseren seminarinternen Podcast aufzunehmen und haben noch zwei Zusagen von (inzwischen ehemaligen) LAA für zwei weitere Folgen. In diesen Aufnahmen zeigt sich immer wieder, was für tolle Menschen wir dort in ihrer Ausbildung begleiten dürfen!

Der Familie ging es 2025 gut, soweit ich das beurteilen kann. Es gab noch einen Schulwechsel und die Zeit als Grundschulmutti liegt nun endgültig hinter mir. Wir haben es geschafft, die ein oder andere kulturelle Aktivität zu buchen und ich durfte tolle Lesungen und Konzerte hören. Nachdem ich früher jeden Pfennig mehrfach umdrehen musste, genieße ich es umso mehr, dass das heute geht!

Für das neue Jahr stehen schon die ersten Veranstaltungen im Kalender, so dass es mit Tagungen etc. nicht langweilig wird. Spannend wird die Bandbreite von didacta über zweitägiges Barcamp und bak-Tagung bis private SchiLf. Das Projekt der eigenen Fortbildungen will an den Start gebracht werden und der ganz normale Alltag mit einem Fachseminar, einem Kernseminar und Praxissemestergruppen geht ja auch weiter. Ein paar Stunden an der neuen Schule kommen dazu, worauf ich mich sehr freue. Und zum Ausgleich gibt es auch schon konkrete Pläne für Familien- und Kulturaktivitäten (🤩).

Und das Motto für 2026? Eigentlich hätte ich gern wieder eines, weil mir das die letzten beiden Jahre gut gefallen hat. Die Wege-Symbolik erscheint mir aber nicht mehr so wirklich passend, so dass ich aktuell am ehesten mit „Flügel ausbreiten und los!“ liebäugele. Mal sehen, ob es das letztendlich wird.

Danke fürs Lesen und euch allen einen guten Rutsch und einen prima Start ins neue Jahr! Vielleicht mögt ihr eure Vorhaben oder euer Motto ja mal als Kommentar teilen!

Katha

Grundlagen für die Planung guten Deutschunterrichts

Als mein voriger Ausbildungsdurchgang begann, habe ich einen Grundsatztext über integrativen Deutschunterricht verfasst. Anderthalb Jahre später ist dieser Jahrgang fertig und verabschiedet und die ersten Kern- und Fachseminarseitzungen mit den neuen LAA und LiA finden statt. Manchmal lese ich dann nach, was mir „früher“ in dieser Phase wichtig war und überlege, ob sich daran etwas geändert hat. In diesem Fall kann ich jedes Wort vom Juni 2024 absolut unterstreichen und werde sehr ähnlich mit meinem neuen Fachseminar beginnen. Der Fokus liegt ganz klar darauf, den Tendenzen zu falsch verstandener Individualisierung entgegen zu wirken und den Blick der angehenden Lehrkräfte auf den integrativen Ansatz des Deutschunterrichts zu lenken.

Dazu wird u.a. wieder ein Planungsraster zum Einsatz kommen, das Beate Leßmann zur Verfügung stellt. Es zeigt durch seinen Aufbau wunderbar deutlich, welchen Blick wir auf den Deutschunterricht brauchen. Es ist ein ganzheitlicher, themenorientierter Blick, der die Inklusion direkt mitdenkt und Wert auf all das legt, das gemeinsam gelernt wird. Neben den Lehrplanbereichen gibt es in Leßmanns Raster auch Felder für Überlegungen zu Wahrnehmung, Kommunikation/Sprache, emotionalem Handeln und Lernstrategien.
Natürlich gibt es auch Bereiche im Fach Deutsch, die eher ein individuelles Bearbeiten nahelegen (Rechtschreibung üben z.B.), aber vieles kann gemeinsames Thema sein, an dem jedes Kind auf dem eigenen Niveau und im eigenen Tempo arbeiten kann, um am Ende in einen gemeinsamen Austausch zu kommen.

Um diesen Blick bei meinen LAA von Beginn an zu schärfen, nutze ich die Arbeit mit einem Bilderbuch als Beispiel. Viele Bilderbücher ermöglich es geradezu idealtypisch, den verschiedenen Bereichen des Lehrplans gerecht zu werden sowie den Unterricht projektartig und für die Kinder bedeutsam zu gestalten. In der engeren Auswahl hatte ich in den letzten Tagen „Ausflug zum Mond“ von John Hare (vgl. hier), „Die zauberhafte Wortverlosung“ von Jutta Degenhardt, „Der Wortschatz“ von Rebecca Gugger (vgl. hier) und „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ von Martin Baltscheit (vgl. hier). Letztendlich fiel meine Wahl auf den Löwen, da der für unser estes Fachseminar eine entspannte Vorlesesituation ermöglicht und sehr niederschwellig Ideen zum Buch gesammelt werden können: Briefe schreiben in verschiedenen Varianten, szenisches Spiel, Wortschatzarbeit, Sprache untersuchen (Briefaufbau), Lesen (der Briefe im Buch) …

Symbolbild, generiert mit ChatGPT

Wenn ich eine neue Unterrichtseinheit plane, nutze ich die für mich bewährte Vorgehensweise:
1. Brainstorming – also alles sammeln, was zum Thema passen könnte, was ich gern machen würde, was mich und die Kinder interessiert
2. (Aus)Sortieren, Gliedern, Strukturieren – also eine sinnvolle Progression in die Reihe bringen sowie die Lernziele und zu erwerbenden Kompetenzen festlegen
3. Material suchen & Lernaufgaben formulieren, passend zu den Lernzielen und Kompetenzen
4. Flexibel bleiben und auch im Laufe der Einheit Anpassungen vornehmen
Das oben verlinkte Planungsraster kann für den ersten Schritt eine richtig gute Grundlage darstellen. Und Online-Recherche (vor allem bei Eduki & Co) sollte nicht vor Schritt 3 erfolgen! Sonst planst du leicht eher vom Material aus als vom Inhalt her (hier moralischen Zeigefinger vorstellen)!

Wie handhabt ihr das? Wie plant ihr eine integrative Einheit in Deutsch? Ich freue mich hier in den Kommentaren, bei Instagram oder als Mail über deine Ideen und Tipps!

Katha

P.S.: Danke an Franziska für den Hinweis, dass ich die Kompetenzerwartungen und Lernziele zwar mitgedacht, aber nicht explizit erwähnt hatte – das ist jetzt geändert!

Klassenregeln – ein leidiges Thema?

Im Rahmen meiner Arbeit als Ausbilderin vertiefe ich mich ja immer wieder neu in bestimmte didaktische Felder. Zuletzt waren u.a. Klassenregeln dabei, die wir sowohl im Kernseminar als auch (reduziert) im Praxissemester in Bildungwissenschaften thematisieren. Deshalb gibt es heute dazu eine kleine Sammlung an Gedanken, Erfahrungen, Theorie und Beispielen.

Symbolbild „Ohne und mit Regeln“, generiert mit ChatGPT

Disclaimer: Mir ist bewusst, dass es an euren Schulen ganz unterschiedliche Schulregeln oder sonstige Verbindlichkeiten gibt. Wenn eure Schule ein übergreifendes Regelwerk bereitstellt, habt ihr vielleicht wenig Spielraum einerseits, dafür andererseits aber mehr Verbindlichkeit gegenüber den Schüler:innen. Wie Regeln allgemein zustande kommen (egal ob für die Schule oder die Klasse) und wie sie sein sollten, das ist vielleicht dennoch interessant…

Gerade zu Beginn des Schuljahres geht es darum, die in der Klasse geltenden Regeln zu überprüfen und ggf. anzupassen bzw. im ersten Schuljahr überhaupt erstmal Regeln zu erarbeiten.
Und da geht es direkt los: Regeln, die ich als Lehrkraft meiner Klasse überstülpe, sind zwar inhaltlich oft korrekt und wichtig, aber leiden von Beginn an oft an mangelnder Toleranz. Soll heißen: Die Schüler:innen sollen an den Klassenregeln mitwirken. Das bedeutet nicht, dass die Kinder allein die Regeln entwickeln und ich als Lehrkraft keinen Einfluss habe. Natürlich kann und muss ich ggf. Regeln einbringen und kann sie auch ohne Mehrheit durchsetzen – es geht hier vor allem um den Prozess des Überprüfens einer Regel auf Wichtigkeit, Realitätsnähe und Konsequenzen. Gert Lohmann stellt in seinem Buch „Mit Schülern klarkommen“ drei mögliche Wege zum Erarbeiten von Regeln vor – einen offenen, einen halboffenen und einen lehrerzentrierten*.
Aus eigener Erfahrung bei der Entwicklung von Schulregeln kann ich eine Vorgehensweise beschreiben, die tendenziell dem offenen Weg entspricht und die ich genau so auch immer wieder für meine Klassenregeln genutzt habe: Vor Jahren ging es darum, dass es für alle geltende Schulregeln an meiner Schule geben sollte, die auch im Forum visualisiert und als Vertrag an die Kinder und Eltern ausgegeben werden sollten. Dazu haben wir dann in allen Klassen mit den Kindern gesprochen und die Vorschläge der Kinder gesammelt. Einige Lehrkräfte schrieben zentral mit, andere erhoben die Ideen der Kinder mit Zetteln. Aus allen sich doppelnden und ergänzenden Vorschlägen extrahierten wir damals etwa 20 Regeln, die nummeriert und jeweils auf einem A4-Zettel an einem Fenstergang entlang aufgehängt wurden. Nach einer Woche „Einwirkzeit“, in der jede Klassenleitung einmal mit ihren Kindern alle Regeln gelesen und ggf. geklärt hatte, bekamen alle Kinder drei Klebepunkte und sollten diese auf die für sie wichtigsten Regelzettel kleben. Um die Beeinflussung durch Freund:innen oder schon geklebte Punkte zuminimieren, sollte vorab jedes Kind seine drei Regeln (Nummern) auf einen kleinen Zettel schreiben. So ergab sich ein gutes Stimmungsbild, das noch zwei Tage hängen blieb, bevor wir dann unsere Schulregeln zusammenstellten. Es waren letztendlich genau zehn Regeln, die deutlich am häufigsten bepunktet worden waren. So ging das Ganze dann seitdem an alle Eltern und Kinder (in den Kreis, den Schülerinnen gezeichnet hatten, konnte jedes Kind sich selbst als Teil der Schul- und Regelgemeinschaft einzeichnen):

Die Kinder, die diese Regeln mit enwtickelt hatten, hatten ein gutes Gespür für deren Bedeutung. Man merkte aber auch, dass nach zwei, drei Jahren eigentlich der Prozess ernaut hätte laufen müssen, um dieses Gefühl wiederherzustellen, denn für alle neu hinzukommenden Jahrgänge waren die Schulregeln „auferlegt“…

Einige der Aspekte der folgenden Übersicht zum Entwickeln von (Klassen)Regeln findet ihr in meinem obigen Text schon: Regeln erarbeiten, Regeln visualisieren, Regeln hinterfragen. Dass Regeln positiv, verständlich und klar formuliert werden müssen, dürfte jedem ebenfalls klar sein.

Schwieriger wird es da schon mit der „Pflege“ und Anwendung der eingeführten Regeln. Wie oft erinnere ich mich und die Kinder an Regeln? Wie penibel bin ich bei deren Einhaltung? Wie ist es mit einer Ausnahme für das ADHS- oder Förderkind?
Grundsätzlich wichtig ist Konsequenz! Wenn ich Regelbrüche wahrnehme, muss ich sie ansprechen und ggf. vereinbarte Konsequenzen ziehen. Unerlässlich ist es dazu, dass das gesamte Klassenteam Bescheid weiß und nicht plötzlich bei anderen Lehrkräften andere Regeln gelten. Wenn es Ausnahmen gibt, müssen die wohlüberlegt und gut begründet sein. Gespräche im Klassenrat können hier hilfreich sein. Auch ein Ritual wie die Regel der Woche / des Monats mit einer Reflexion am Ende des Tages oder der Woche dienen dazu, immer wieder an die Regeln zu erinnern. Deutlich konkreter als die Regel der Woche sind Konzepte wie das KlasseKinderSpiel oder das Sozialziele-Center. Beide Methoden fokussieren eine Regel, setzen sie jedoch in konkret beobachtbare Verhaltensweisen und/oder Aussagen um, deren Einhalten deutlich einfacher überprüft werden kann als die eigentliche Regel. Ich lege euch beides sehr ans Herz!

Nochmal kurz zurück zur Theorie. Gert Lohmann nennt acht „Regeln für Regeln„: Sie sollen wenige, vernünftig, verständlich, positiv, verbindlich, beobachtbar, kompatibel und durchsetzbar sein. Mit diesen Merkmalen lassen wir die Praxissemesterstudierenden immer die aus ihren Klassen mitgebrachten Regeln überprüfen. Sie sind immer etwas erstaunt und die Bandbreite der Qualität der Regeln ist jedes Mal wieder enorm. Ihr könnt es ja mit euren Regeln auch mal probieren. Und vor allem auch jegliche Eduki-99-in-1-Super-Sonderangebote zu Klassenregeln. Nur, weil sie hübsch aussehen, sind diese Regelpakete noch lange nicht zweckmäßig oder gar sinnvoll…

Zum Schluss habe ich noch zwei Gedanken zur ersten Klasse, die ich teilen möchte. Gerade zu Beginn, wenn die Kinder mit verschiedenen Regelsystemen aus ihren Kitas und Familien zusammenkommen, sind wenige einfache Regeln sinnvoll, die klar in Handlungen zu übersetzen sind. Nicht umsonst werden dazu gern Fotos von Kindern gemacht und ausgehängt, um das Melden, die Freundlichkeit etc. zu visualisieren. Gute Erfahrungen habe ich außerdem mit kleinen Merksprüchen oder Versen gemacht, wie ich es hier schon einmal ausführlicher beschrieben habe. Unter anderem das „Gib mir fünf“ hat sich anfangs in meiner Klasse sehr bewährt. Die fünf Schritte waren klar visualisiert, leicht anzuwenden und haben sehr geholfen, zur Ruhe zu kommen.

So, nun ist es heute doch mal wieder etwas länger geworden. Ich hoffe, dass meine Mischung aus Praxis und Theorie dir dennoch weiterhilft und wünsche einen guten Start ins neue Schuljahr!

Katha

* Ich habe die 14. Auflage von 2022, darin sind die Wege auf S. 127ff. beschrieben. Insgesamt ist das Buch echt ein Lesetipp, obwohl Sekundarstufe drauf steht!

„Gefühle-Wochen“ im Blog – Warum Emotionen und Lernen zusammen gehören

In letzter Zeit habe ich mehrere Rezensionen veröffentlicht, die sich von verschiedenen Richtungen kommend dem großen Komplex der menschlichen Emotionen, spezieller der Gefühlswelt von Kindern bzw. Lernenden nähern. Dadurch und durch u.a. die kontinuierliche Arbeit von Menschen wie Caroline von St. Ange (@learnlearningwithcaroline, deren Buch ich euch sehr ans Herz legen möchte) oder Saskia Niechzial (@liniertkariert) habe ich mich im letzten halben Jahr auch mehr mit dieser Facette des Lernens auseinander gesetzt und möchte, wie ich es im Sinne des „working out loud“ mal wieder laut denken und ein paar meine Gedanken und Schlussfolgerungen hier teilen.

Auf diese meine Fachbuch-Rezensionen beziehe ich mich:
📖 Damit mein Kind sich besser fühlt
📖 Ich bin super, so wie ich bin
📖 Der Sumpfmumpf und die Hoffnung
📖 Selbstregulation für 3- bis 6-jährige
Zudem spielen auch einige Bilderbücher in diese Richtung, wie zum Beispiel diese:
📖 Das Krawallkehlchen
📖 Der Kopfübär
📖 Helmuts Herz
📖 Die Freude springt aufs Trampolin

Besonders intensiv wird die Verbindung von Lernen und Emotionen in diesem Film erklärt, den eine Kollegin mir für die Arbeit im Kernseminar empfohlen hat. (Achtung, bei Youtube ist er in drei Teile zerlegt!)
Hier wird sehr deutlich, dass Lernen überhaupt nur stattfinden kann, wenn Kinder emotional in einem stabilen, sicheren Zustand sind. Onlinetauglich kurz gefasst steckt das auch in diesem Satz, der mir sehr in den Ohren klingelt: „Schüler, die zu Hause geliebt werden, kommen in die Schule, um zu lernen. Schüler, die es nicht sind, kommen in die Schule, um geliebt zu werden.“ (zugeordnet wird er Nicholas A. Ferroni)

Für unsere Arbeit in der Grundschule bedeutet das zweierlei: a) eine veränderte Denkweise (Haltung, Mindset) im Bezug auf Störungen, herausforderndes Verhalten oder wie man es nennen mag und b) einen absoluten Fokus auf Beziehung.
a) Ein Kind, das Probleme macht, hat welche. Simpel, aber wahr. Es ist also an uns Lehrkräften, genau diese Probleme zu erkennen und bestenfalls daran anzusetzen. Wenn wir diese immer übergehen und vom Kind erwarten, dass es „funktionert“ in der Schule, können wir kaum eine Verbesserung erwarten. Entweder stört das Kind einfach weiter, weil sein Problem weiter besteht, oder es zieht sich zurück, weil es auch von der Lehrkraft nicht gesehen wird bzw. keine Unterstützung erhält. Und ja, ich weiß: wir haben viel zu schaffen, es ist nicht nur das eine Kind in der Klasse, die nächste Arbeit steht an… klar! Mir ist bewusst, dass man diesem Anspruch als Einzelkämpfer:in nur schwer gerecht werden kann und wir eigentlich qualifizierte Doppelbesetzungen benötigen. Mir geht es an dieser Stelle aber vor allem um unser Mindset als Lehrkraft. Veränderst du deinen Blick auf ein Kind, veränderst du auch deinen Umgang mit ihm oder ihr. Und das kann schon viel verändern.
b) Lerne „deine“ Kinder kennen! Bestimmt hast du auch schon die Erfahrung gemacht, dass sich eine Klasse bei der Klassenlehrkraft besser benimmt als im Fachunterricht, wo jemand mit nur wenigen Wochenstunden unterrichtet. Das macht genau diesen Unterschied in der Tiefe der Beziehung zwischen Kindern und Lehrkraft deutlich. Es lohnt sich aber auch als Fachlehrkraft, mit den Kindern über das Fach hinaus ins Gespräch zu kommen, sie kennenzulernen, mal ein Spiel zu machen statt stur den Stoff durchzuziehen. Du musst dabei nicht alles so machen wie die Klassenlehrkraft sondern darfst und sollst sogar du bleiben – aber zeige Interesse an der Gruppe und mach dich über ihre Besonderheiten und Bedürfnisse schlau. Bestenfalls gibt es zum Beginn eines Schuljahres eine Klassenkonferenz (also ein Gespräch aller dort lehrenden Personen), die dir das ein oder andere Fettnäpfchen ersparen kann.

Beschäftigt dich das Thema auch? Hast du ähnliche oder ganz andere Erfahrungen gemacht? Schreib es gern hier als Kommentar oder bei Instagram.

Katha

Digitale Doppelstunde: „Der Wortschatz“ und die KI

In den letzten Monaten hat ein Buch für Begeisterung bei vielen Deutschlehrer:innen gesorgt: Der Wortschatz von Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger aus dem Nord-Süd-Verlag. Auch mich hat das Buch gepackt, da es einerseits didaktisch das Thema Adjektive wunderbar aufbereitet, andererseits aber dies als „normales“ Bilderbuch schafft, ohne also zu didaktisiert zu wirken – das stört mich an manchem gehypten Bilderbuch für die Grundschule der letzten Jahre…

Nun wisst ihr, dass ich zur Zeit mehr Unterricht ansehen als selbst erteilen darf und erst jetzt bietet sich mir im Rahmen einer digitalen Doppelstunde die Gelegenheit, das Buch mit in den Unterricht zu nehmen. Da mich zudem in einer der Stunden wieder einige LAA besuchen, muss ich meine Planung eh etwas ausführlicher verfassen und teile sie gern auch hier.
Mein Vorhaben für eine vierte Klasse zielt darauf, den Spaß an der Sprache wachzuhalten, Lust an der Literatur zu fördern und darüberhinaus einen ersten schulischen Kontakt mit einer bildgenerierenden KI herzustellen. Das ist ziemlich viel für zwei Stunden, die ich nur zur Verfügung habe – am Ende dieses Beitrags will ich aber auch noch weiterführende Ideen anreißen.

Der wichtigste Aspekt des Buches, auf den ich mich in meinem Vorhaben stütze, ist das Verwandeln von Gegenständen mit Hilfe von Adjektiven. Der Protagonist Oskar entdeckt dieses am Beispiel des Wortes quietschgelb, das er aus Versehen auf einen Igel wirft:

Mit den Schüler:innen einer vierten Klasse möchte ich genau dies ausprobieren und sie aus je einem Adjektiv und Nomen Bilder generieren lassen. Dazu setze ich die KI-Tools von fobizz ein, da ich dort einen Klassenraum einrichten und somit den Kindern datenschutzrechtlich problemlos einen Zugang zur Ki bieten kann. Für Interessierte: Man kann dabei dann sogar zwischen drei Bild-KI wählen, nämlich Flux.1, Dall-E 3 und Stable Diffusion XL.

Stunde 1: Kennenlernen des Buches
Aus dem Bilderbuchkino, das der Verlag erfreulicherweise zusammen mit Material für Lehrkräfte anbietet, habe ich die Seite via Beamer gezeigt, auf der Oskar die Schatztruhe findet.
Ich habe das Buch im Tafelkino vorgelesen bis etwa zur Hälfte, als die Schatztruhe leer ist (Schwerpunkt: verändern von Dingen durch Adjektive). Dann folgte ein kurzes Gespräch darüber, welche Wörter/Adjektive die Kinder gern in die Schatztruhe füllen würden. Diese notierte ich direkt auf der Seite im Bilderbuchkino, das ich in GoodNotes geöffnet hatte (s.u.). Danach las ich das Ende des Buches vor, in dem Oskar lernt, wie man Wörter „macht“ bzw. findet.

Zur Vorbereitung der zweiten Stunde gab es dann noch ein kurzes Gespräch über das Vorwissen der Kinder zu Künstlicher Intelligenz. Viele Kinder hatten bereits Kontakt, vor allem über WhatsApp oder ChatGPT. Manche kannten auch die Möglichkeit, mit KI Bilder zu generieren. Da ja nicht in dem oder jeder von uns ein Illustrator bzw. eine Illustratorin steckt, stellte ich genau dies als Ziel für die zweite Stunde vor.

Vorbereitung für die 2. Stunde: KI für die Kinder
Mit meinem fobizz-Account kann ich auf die KI-Tools dort zurückgreifen und habe einen Klassenraum eingerichtet und dort das Projekt grob skizziert (s. linkes Bild). Klassenräume kann ich für ein ganzes Schuljahr oder für 24 Stunden einrichten. Fobizz generiert mir dann QR-Codes für jedes Kind (s. mittleres Bild) und dazu eine Liste, in der ich als Lehrkraft datenschutzrechtlich unbedenklich die Klarnamen der Kinder notieren kann. Für mein Vorhaben habe ich dann nur die Bild-KI freigegeben. Grundsätzlich könnte man in fobizz auch Text-KI etc. nutzen. Zuletzt habe ich noch die gesammelten Adjektive, ergänzt durch einige aus dem Buch, und ein paar geiegnete Nomen zum Ziehen vorbereitet.

Stunde 2: Bilder generieren
Nach einem kurzen Anknüpfen an Oskars Geschichte bekommen die Kinder den AA und das Material vorgestellt: Zettelchen mit Adjektiven (die sie gestern ja selbst gesammelt hatten) und Nomen (aus dem Buch und von mir gesammelt) werden gezogen und daraus soll mit KI ein Bild generiert werden. Ich zeigte kurz noch einmal die Vorgehensweise mit einem Tablet und einem Kärtchen: scannen, Bild beschreiben, remixen, speichern. Und dann ging es in PA auch schon los.
Alle Teams zogen zuerst ein Wortpaar – manche hatten aber wirklich schwierige Kombinationen und durften tauschen, etwas Neues aussuchen oder ein eigenes Adjektiv wählen. Alle Paare schafften es in gut 20 Minuten Arbeitsphase, mindestens ein geeignetes Bild zu generieren. Allerdings zeigte sich deutlich, wie leicht oder schwer es den Kindern jeweils fiel, ihren prompt zu formulieren, zu erweitern oder zu ändern. Und an einzelnen Stellen war auch die KI etwas bockig und bleib z. B. stur bei einem Haus aus Holz, obwohl sehr eindeutig Wände aus Wolken vorgegeben wurden…
Am Ende konnten noch die meisten Teams ihr bestes Ergebnis via AirPlay teilen und die Klasse versuchte, das genutzt Adjektiv zu erkennen.

Weitere Ideen zum Vorhaben:
Es bestätigte sich, dass dieser Zugang deutlich mehr als meine zwei Stunden hergegeben hätte. Im Gespräch mit meinen vier besuchenden LAA waren wir uns alle einig. Hier kommen deshalb noch ein paar Ideen, wie man das Vorhaben erweitern bzw. einbetten könnte:
– vor die beschriebene zweite Stunde noch ein Stunde schieben, in der alle Kinder an den gleichen Begriffen arbeiten, um das Prompten besser zu üben.
– die Adjektive differenziert anbieten (sowas wie smaragdgrün oder gruselig ist einfacher für ein Bild zu nutzen als sowas wie doppelstöckig oder bienenfleißig)
– Unterrichtseinheiten zu Personenbeschreibung oder Gegenstandsbeschreibung um die Arbeit mit einer KI erweitern, da diese ja quasi eine Selbstkontrolle beinhaltet (War die Beschreibung gut, wird das Bild gut.)
– eine vertiefende UE zu Adjektiven hierauf aufbauen (beschreibende Funktion von Adjektiven)
– von den Unzulänglichkeiten der Bild-KI auf Unzuverlässigkeit von Text-KI schließen, Stichwort digital literacy – Achtung, Metaebene! 😇 (Ganz ernst: wenn ich ein Bild nicht einfach so nutzen kann, weil es noch Quatsch zeigt, dann kann ich einen KI-Text auch nicht einfach so verwenden ohne Hinterfagen oder Überarbeitung…)

Bestimmt habt ihr noch mehr tolle Ideen, oder? Schreibt sie doch gern als Kommentar hier drunter oder kommentiert den entsprechenden Post bei Instagram!

Katha

Rezension: „Lernmythen aufgedeckt“

Titel: „Lernmythen aufgedeckt. Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert“
Verlag: Haufe (hier klicken)
Autorin: Yvonne Konstanze Behnke
ISBN: 978-3-648-18394-6

Zum Inhalt:
Die Autorin bringt vielfältige Erfahrungen aus Aus- und Weiterbildung mit, die sich mit Grafik/Illustration und Lernen beschäftigen – sie bezeichnet sich selbst als neugierige Lernmythendetektivin. In dieser Funktion nimmt sie 19 teils sehr hartnäckig erhaltene Lernmythen unter die Lupe. Jeder Mythos wird vorgestellt, auf seinen Ursprung und seinen wahren Kern hin betrachtet und ggf. durch Fakten widerlegt. Los geht es mit einem kleinen Test, bei dem man selbst einschätzen soll, was Mythos und was Fakt ist – ich hab mich da mit 14 richtigen und 9 falschen Einschätzungen nicht mit Ruhm bekleckert…
An einigen Stellen im Buch wird mit Hilfe von QR-Codes direkt zu Videos o.ä. verwiesen, was ich [vor allem vor dem Hintergrund des Multimedia-Effekts, vgl. S. 42] besonders mag. Zuletzt gibt es noch Modelle zum Überprüfen von Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt und eine Zusammenfassung dessen, was bedeutsame Elemente des (wie immer wieder betont wird) komplexen Vorgangs des Lernens zu erleichtern.

Meine Meinung:
Der Titel hat mich direkt begeistert, weil ich ja in der Lehrerausbildung immer wieder Lernmythen begegne, die sich in den Köpfen meiner LAA und/oder deren Mentor:innen hartnäckig halten. Und auch mich selbst möchte ich nicht freisprechen von deren Verfechtung an der ein oder anderen Stelle. Die meisten Mythen aus dem Buch kenne ich, manche waren mir weniger vertraut bzw. würde ich einige nicht als solche bezeichnen, da sie m. E. wenig bedeutsam/bekannt sind.
Die Überprüfung der Mythen ist durchgehend gut lesbar und munter fomuliert, dabei jedoch nicht oberflächlich. Allein die Anlage des Buches (zum gezielten Blättern in bestimmte Mythen statt stringentem Durchlesen) führt dazu, dass sich manche Begriffe, Aussagen oder Gedanken wiederholen. Um aber auch im Negativen das Positive zu sehen: Manches festigt sich so einfach besser!
Auch gefestigt haben sich bei mir manche Fachbegriffe, die mir in den letzten Jahren immer wieder in verschiedenen Veröffentlichungen über den Weg laufen. Das sind z. B. Übungsformen wie retrieval practice, spaced repition etc. – die übrigens ungemein effektiv für das Lernen in vielfacher Hinsicht sind.
Zu jedem Mythos werden am Ende diverse Quellen angeboten, die zum Nachlesen und Vertiefen griffbereit sind. So bleiben die Texte an sich gut lesbar, aber eben doch gut belegt.

Der Begriff „Unternehmen“ im Untertitel bedeutet übrigens absolut nicht, dass die Inhalte nur für Businessleute relevant sind! Oft genug bezeiht die Autorin sich explizit auch aufs Lernen und gerade in der Lehrkräfteausbildung als Form der Erwachsenenbildung haben die Ausführungen absolut Relevanz.

Leseempfehlung:
Für alle Menschen, die sich mit dem Lernen beschäftigen, kann ich „Lernmythen aufgedeckt“ von Herzen empfehlen! In meiner Funktion als Seminarausbilderin geht natürlich eine besondere Empfehlung an alle Kolleginnen und Kollegen. Überprüft eure Powerpoints, nachdem ihr dieses Buch gelesen habt!

Vielen Dank an den Haufe-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Katha