Gedanken zum Welttag des Buches

Am 23. April ist seit 1995 jährlich der Welttag des Buches. Bei Wikipedia kann man alle Gründe nachlesen, warum es genau dieses Datum ist. Für mich als Leseratte ist dieser Tag eigentlich ein Feiertag, an dem ich mich am liebsten den ganzen Tag lesend auf die Hollywoodschaukel zurückziehen würde. An dieser Stelle soll es aber weniger um meine Leseobsession gehen sondern darum, was Lesemotivation und Schule miteinander zu tun haben.

In meinem Bücherregal stehen Klassiker und Modernes direkt nebeneinander ♥️

Durch Zufall findet genau am Welttag des Buches mein Fachseminar zum Kompetenzbereich „Eigenständiges / Individualisiertes Arbeiten“ am inhaltlichen Beispiel „Lesetagebuch“ statt. Deshalb stecke ich gerade wieder in der Literatursichtung und Onlinerecherche zum Themenkomplex Lesen.

Das Problem mit dem Lesen

Dass wir (zu) viele Kinder aus der Schule entlassen, ohne dass sie ausreichend gut lesen können, überrascht wohl niemanden, der hier mitliest. Iglu, Pisa, IQB und Co zeigen seit Jahren, dass etwa die Hälfte der Schüler:innen nur über geringe Lesekompetenzen verfügt. Als Reaktion darauf haben viele Bundesländer viele verschiedene Programme und Erlasse verfasst, die die Leseförderung stärken sollen. In NRW ist dies aktuell die Lesezeit im Rahmen der Fachoffensive Deutsch. Hierzu gibt es die durchaus spannende Homepage Stift, auf der Theorie und Praxis zur Leseförderung vereint sind.

Also eigentlich doch kein Problem? Doch! Zum Einen ist das Lesen unheimlich vielschichtig und eigentlich braucht es ein leseförderliches Elternhaus, um ein guter und motivierter Leser zu werden.
Zum Anderen fokussieren viele Maßnahmen wie die drei Mal wöchentlich durchzuführende Lesezeit sich zu sehr auf den Bereich der Leseflüssigkeit, die durch Lautleseverfahren verbessert werden kann. Meist völlig zusammenhanglos werden dafür Texte zusammengesucht, kopiert, geschrieben oder generiert, die eben die 20 Minuten gut füllen. Dadurch wird der Anspruch des integrativen Deutschunterrichts ad absurdum geführt. Wenn wir hier ein bisschen lesen üben, dort ein wenig im Rechtschreibheft* arbeiten und dann noch am Bildergeschichten-Aufsatz arbeiten, fehlen individuelle Bedeutsamkeit** und inhaltliche Verbundenheit leider völlig.

Lösungsansätze

Das Mehrebenenmodell des Lesens von Cornelia Rosebrock und Daniel Nix (Quelle hier: Stift) zeigt die verschiedenen Ebenen der Lsesförderung hervorragend auf. Es wird deutlich, dass Laut- und Vielleseverfahren eine große Wichtigkeit beim Aufbau von Kohärenz haben, was wiederum Bedingung für genießendes Lesen ist. Es hebt aber auch hervor, dass die Subjektebene und die soziale Ebene des Lesens ebenso wichtig sind und bestimmen, ob ein Kind Leser:in wird oder freiwilliges Lesen lieber meidet.

Damit sind wir wieder bei einem meiner Lieblingsthemen, nämlich dem Literaturunterricht. Gemeint ist damit einerseits die Arbeit an authentischen Texten der Kinderliteratur in Form von Bilderbüchern, Ganzschriften oder Textauszügen. Andererseits geht es auf der methodischen Ebene darum, wie mit diesen Texten umgegangen wird: lesen und Fragen beantworten? Laut vorlesen? Im Tandem lesen? Oder doch eher einen individuellen, emotionalen, handlungs-und produktionsoorientierten Zugang wählen? Ihr kennt die Antwort: Letzteres natürlich.
Kinder brauchen die Möglichkeit, sich in Figuren aus (echten) Geschichten hineinzuversetzen, Lieblingsbücher und -genres zu finden. Dazu müssen sie lesen, vorgelesen bekommen und Raum zum Auseinandersetzen mit der Geschichte bekommen. Wie man selbst vom Lesebuch ausgehend so an Literatur arbeiten kann, habe ich auch schon einmal in diesem Beitrag zum Literaturunterricht mit dem Lesebuch verbloggt. Außerdem findet ihr in der Kategorie „Rezensionen“ jede Menge Bilderbücher, die solche Zugänge ermöglichen.

Bild generiert mit ChatGPT

Ein weiterer großer Batzen der Leseförderung ist die Gelegenheit, in Büchern zu stöbern, Bücher anzulesen und dann vielleicht doch wegzulegen, oder auch Bücher vorgestellt und empfohlen zu bekommen***. Ganz explizit geht es hierbei um jede Form von Büchern, also auch Comics/ Graphic Novels, Pixibücher und Sachbücher. Dazu brauchen Kinder Zugang zu einer Klassen- oder Schulbücherei, einer öffentlichen Bibliothek, aber auch Gelegenheiten dafür, sich gegenseitig Buchtipps zu geben. Ein Weg dazu ist es, wenn nach dem Lesen eines Buches jedes Kind einen Empfehlungszettel ausfüllt, der dann vorn im Buch zu finden ist und anderen Kindern eine Empfehlung gibt. An den Schulen von zwei oder drei meiner LAA haben die Kinder ein sog. Tischbuch, das immer im Fach unter ihrem Tisch liegt und in Pausen, nach fertigen Aufgaben etc. gelesen werden kann – auch eine schöne Idee, die zudem zusätzlich kopierte Arbeitsblätter für Schnelle überflüssig macht.
Auch für die Arbeit mit Ganzschriften bedeutet das, dass nicht immer die ganze Klasse zusammen ein Buch liest, sondern immer wieder auch jedes Kind an einer individuell ausgewählten Lektüre arbeiten kann. Methodisch sind hierfür Lesetagebücher, Lesekisten, Leserollen etc. geeignet. Hier im Blog könnt ihr zwei Ideen bereits nachlesen: eine Distanzvariante des Lesetagebuchs in einer dritten Klasse und Digitale Buchvorstellungen in einer vierten.

Fazit deshalb: Holt die Bücher in die Klasse!

Danke fürs Lesen dieses Beitrags und nun wieder viel Spaß beim Lesen des Buches deiner Wahl!
Katha

* im selben Blogbeitrag habe ich dafür den Begriff der „Verheftelung“ genutzt, der das Dilemma für mich gut ausdrückt.

** vgl. Prinzipien guten Deutschunterrichts nach Bartnitzky im selben Blogbeitrag

*** Ganz besonders wichtig ist es für die Kinder, in deren Familien es keine Bücher gibt und das Lesen keine Rolle spielt. Und diese Kinder haben wir in den Klassen – mancherorts mehr, andernorts weniger.

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