„Ungleiches ungleich behandeln!“

Diesen Leitsatz hat die Enquete-Kommission „Chancengleichheit in der Bildung“ im Oktober 2025 in ihrem vom Landtag NRW veröffentlichten Bericht formuliert. Er ist somit eine Maßgabe für meine Arbeit als Lehrkraft und Ausbildende. Ich finde das einen ganz wichtigen Satz, der viel mehr Macht hat, als man es drei Worten zutrauen mag. Warum, möchte ich heute versuchen aufzuschreiben.

Vorrede
Anlass für diesen Beitrag ist eine Fortbildung, die ich gerade besucht habe. Es ging um neurodivergente Kinder im Schulalltag und die Fachfrau Leni Schütz bot vielfältige Informationen und Anregungen an.
Das Thema Neurodiversität* begegnet mir neuerdings immer häufiger und gerät zunehmend in meinen Fokus. Kennt ihr das, wenn man für ein Thema so eine Sensibilität entwickelt, dass man es überall erkennt? Bisschen so wie man mit dem Beginn einer Schwangerschaft überall Schwangere, Stillende und Mütter sieht. Auf jeden Fall bin ich auf Instagram defintitv in einer Neurodivergenz-Bubble gelandet, die im deutschsprachigen Raum auf Schule bezogen vor allem von Saskia Niechzial (@liniert.kariert) vertreten wird. Und neuerdings gibt es auch verstärkt Fortbildungsangebote und Literatur zu diesem Thema.

Ein Modethema also? Wie die Me-too-Bewegung oder das Linksgrünversifftsein?
Nein! Es gibt nur einfach mehr Bewusstsein für die neurologisch bedingten Unterschiede zwischen den Menschen, die aufgrund ihrer Überzahl von ca. 90% als normal gelten und den anderen, den Neurodivergenten.

Was ich aus der Fortbildung und bisher Gelesenem mitgenommen habe:
🌍Die WHO hat die Begrifflichkeiten neu geregelt, so dass es jetzt nur noch ADHS als Diagnose gibt und kein ADS mehr sowie die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung (ASS) statt verschiedener Formen von Autismus wie Asperger.
🚨 Bei ADHS sucht der Körper einen Ausgleich für einen zu niedrig empfundenen Dopaminspiegel. Dieser Ausgleich kann u.a. durch Bewegung oder Zuckerzufuhr erfolgen. Unbehandeltes ADHS führt im Jugend- und Erwachsenenalter deutlich häufiger zu Drogenproblemen – ein anderer Weg, den Dopaminspiegel zu erhöhen.
🫱🏼‍🫲🏼 ADHS und ASS gehen oft Hand in Hand.
👩🏼 Vor allem Mädchen und Frauen wurden und werden immer noch seltener mit ADHS oder ASS diagnostiziert, weil ihre Symptome oft anders sind oder sie diese besser kompensieren. Frauen bekamen häufig die Diagnose Depression, obwohl neurobiologisch eher Autismus oder ADHS dahinter steckten.

Was ich auch mitnehme, weil es so ein starkes Bild ist, ist der curb-cut-Effekt. Er zeigt am Beispiel von für Invaliden in Amerika abgesenkten Bordsteinen, dass auch andere Personengruppen von Erleichterungen profitieren können, so wie in besagtem Fall u.a. Menschen mit Gehhilfen oder Kinderwagen. Aktuell sieht man diesen Effekt ganz präsent in der Flut von sprachgesteuerten digitalen Angeboten, die gefühlt jede:r nutzt, obwohl sie eigentlich als assistive Technologie für Sehbehinderte entwicket wurden.

Wenn ich nun diesen Effekt gedanklich mit dem zu Beginn genannten Gedanken „Ungleiches ungleich behandeln“ kombiniere, habe ich ganz klare Leitplanken für meine Arbeit als Lehrkraft. Es geht darum, dass wir nicht (mehr) nach dem Gießkannenprinzip Wissen und Maßnahmen über alle Kindern gleichermaßen ausschütten, sondern mehr darauf achten, welche Bedingungen wir für die Lernenden herstellen. Schule ist ein Lebensort, in dem die Kinder einen nicht unerheblichen Teil ihres Tages verbringen. Viele Kinder können die aktuellen Bedingungen gut verarbeiten und (wie gefordert) Leistung erbringen, manche aber benötigen dafür mehr Zeit, Hilfsmittel oder Rückzugsmöglichkeiten. Und das muss einfach noch viel normaler werden als es vielerorts heute immer noch ist!
Immer wieder höre ich jedoch reflexartig Bedenken von Lehrkräften wie „Aber wenn x das darf, dann wollen das ja alle!“ oder „Wie soll ich den anderen den erklären, warum x etwas Anderes tut?“. Ein bisschen verzweifele ich dann innerlich immer, weil selbst junge Lehrende scheinbar immer noch mit der Vorstellung unterrichten, dass man nur konsequent genug allen das Gleiche anbieten muss, um am Ende erfolgreiche Lernende zu haben (was auch immer man sich darunter vorstellt).

Dabei ist es doch nicht erst seit gestern klar, dass verschiedene Kinder verschieden lernen, verschieden schnell lernen, verschiedene Stärken haben, sich verschieden gut selbst organisieren können, überhaupt halt ganz verschiedene Lern- und Lebensvoraussetzungen mitbringen. Gerade bei Kindern mit ADHS oder ASS geht es eben auch nicht darum, dass „die sich mal ein bisschen zusammenreißen“, sondern darum, wie ich als Lehrkraft die Rahmenbedingungen so gestalten kann, dass Lernen für diese Kinder möglich wird. (Gern wird hier auf das Beispiel einer Seh- oder Hörschwäche zurückgegriffen: bei Kindern mit diesen Problemen sind Hilfsmittel wie Brillen oder Hörgeräte/Mikrofone ganz selbstverständlich vorstellbar.)

Hier mal eine Auswahl meiner liebsten Internetfunde zum Thema Diversität, wenn auch nicht explizit Neurodivergenz (sorry für das schlechte Quellenmanagement):

Gern genutzt ist auch der Verweis darauf, was man alles nicht dürfe, oder dass etwas so nicht in den Vorgaben stehe. Und hier kommen die mächtigen drei Worte zum Tragen, für die auch die aktuelle Schulministerin aus NRW steht: Wir müssen nicht alle Kinder gleich behandeln. Wir sollen sogar dafür sorgen, dass sie ungleich behandelt werden, wenn das nötig und sinnvoll ist! Förderplan und Nachteilsausgleich sind hier auf jeden Fall zwei Zauberwörter, die schon viel möglich machen – und gleichzeitig andeuten, dass Maßnahmen mit den Erziehungsberechtigten kommuniziert, bestenfalls gemeinsam vereinbart werden. Es gibt aber auch 1000 Kleinigkeiten, die neurodivergenten Kindern den Alltag vereinfachen und somit erfolgreicheres Mitarbeiten fördern: die Möglichkeit, sich auch außerhalb von Pausen bewegen zu können oder Fidgets für Mirkobewegungen nutzen zu dürfen, Rückzugsmöglichkeiten zu haben, klare Strukturen und feste Abläufe, deutliche und visualisierte Arbeitsaufträge zu bekommen, um nur einige zu nennen.

Und wenn wir dann feststellen, dass neben den etwa 10% unserer SuS, die nicht neurotypisch sind, auch andere Kinder positiv auf diese Dinge reagieren, dann ist es doch sogar noch besser. Gleiches gilt für Lernmaterialien und -methoden, die bestenfalls für alle Lernenden wählbar oder zumindest anpassbar sind. Von Beginn an muss den Lernenden klar werden, dass es völlig normal ist, wenn Kinder an unterschiedlichen Dingen unterschiedlich arbeiten**. Dann entsteht bei den Kindern schnell eine sehr inklusive Haltung, in der Rechtfertigungen in der Regel nicht nötig sind. Die braucht es meiner Erfahrung nach allerdings leider noch häufig bei Eltern und noch leiderer auch bei Kolleg:innen). Hier wird noch zu oft nicht verstanden, dass z. B. ein Nachteilsausgleich einem Kind keinen Vorteil verschafft sondern eben nur tut, was er soll: einen Nachteil ausgleichen.

Nehmen wir also nochmal den Leitsatz „Ungleiches ungleich behandeln“ und betrachten wir Schule als Möglichkeitsraum: Wir dürfen viel. Wir dürfen viel mehr, als es in Handreichungen und Vorgaben explizit erwähnt wird. Lasst uns also nicht warten, bis eine Postille kommt, die uns explizit zu Fidgets rät oder flexible Sitzmöglichkeiten erlaubt. Lasst uns den Rahmen unserer Möglichkeiten nutzen und mehr darauf schauen, welche oft kleinen Änderungen das Zusammenleben und -arbeiten verbessern können.

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast. Ich habe mich ein wenig in Rage geschrieben, deshalb wirklich danke. Über deine Gedanken zu dem Geschriebenen würde ich mich wirklich sehr freuen!

Katha

P.S.: Bob Blume schrieb zuletzt, dass Schreiben auch ein Werkzeug fürs Denken ist. Deshalb gibt es diesen sicher nicht perfekten und stellenweise unausgegorenen Blogbeitrag – weil ich thinking out loud mag und gern eure Resonanz hätte.

* Neurodiversität umfasst alle neurotypischen und neurodivergenten Menschen.

** Über meinen Umgang mit dieser Diversität habe ich u.a. hier und hier geschrieben. Und eigentlich fast in jedem Beitrag über meine alte #monsterklasse.

Doppel-Rezension: Psychologische Kinderbücher „Sam kann nicht schlafen“ & „Yaras Sternenhimmel“

Titel: „Sam kann nicht schlafen“ & „Yaras Sternenhimmel“
Verlag: hogrefe (hier klicken und hier klicken) – Psychologische Kinderbücher
Autor:innen: Dr. Katharina Szota (Hrsg.) / Dr. Hanna Christiansen (Hrsg.)
Illustrationen: Laila Büchler / Anna-Lena Bolz
ISBN: 978-3-456-86423-5 & 978-3-456-86432-7

Vorab zur Reihe:
Die Bücherreihe „Psychologische Kinderbücher“ geht auf eine Zusammenarbeit des Fachbereichs Psychologie und des Instituts für bildende Kunst an der Philipps-Universität Marburg zurück. Studierende des Psychologie steuerten Texte für Kinderbilderbücher bei, Kunst-Studierende die Illustrationen. Allein schon vor diesem Hintergrund sind die entstandenen Werke empfehlenswert. Neben den beiden hier vorgestellten Bänden gibt es weitere Bücher zum Beispiel zu Vernachlässigung, Gewalt an Kindern oder emotionaler Gewalt, aber auch zu eher schulbezogenen Themen wie Rechenstörungen oder dem Schulanfang.
Die Bilderbücher beginnen immer mit einem Geschichtenteil und werden ergänzt durch Anregungen, Materialien und Links zum jeweiligen Thema.

Zum Inhalt:
Sam erlebt durch die Nachrichten mit, wie der Krieg nach Europa kommt und wie seine Familienmitglieder darauf reagieren. Er macht sich viele Gedanken dazu und große Sorgen. Was, wenn der Krieg bis zu uns kommt? Was passiert eigentlich den Kindern im Kriegsgebiet? Diese und weitere Fragen beschäftigen Sam so sehr, dass Bauchweh und Konzentrationsprobleme die Folge sind. Zum Glück kann er mit seinen Eltern reden und entwickelt sogar eine Idee, wie er sich engagieren kann.

Yara musste mit ihrer Kernfamilie aus Syrien fliehen und lebt schon eine Weile in Deutschland. Nun kommt sie neu in Leons Klasse und ist auch seine Nachbarin. Schnell merken die beiden, dass ihr Interesse an Sternbildern und dem Nachthimmel sie verbindet und sie freunden sich an. Aber nicht jedes Kind in der 4b tritt Yara so unvoreingenommen gegenüber… Vorurteile und Alltagsrassismus tauchen in dieser Geschichte an verschiedenen Stellen auf.

Meine Meinung:
Beide Geschichten und ihre Held:innen erinnern mich sofort an Kinder, die ich privat oder aus meinen Klassen kenne. Beide Themenkomplexe, also Ängste/Krieg und Migration/Rassismus, beschäftigen wohl jede pädagogisch tätige Person in den letzten Jahren. Selbst wir Erwachsene erleben eine von Krisen geprägte Zeit und fühlen uns manchmal rat- oder hilflos, besorgt und ängstlich. Kinder sind den überall präsenten Nachrichten von Krieg, Gewalt und Hetze fast schutzlos ausgeliefert und benötigen dringend die klärende Einordnung des Geschehens durch uns Erwachsene (Eltern und Pädagog:innen) sowie unsere Unterstützung. Für beides bieten die vorgestellten Bücher den schönen Ansatz des Bilderbuchs, von dem ausgehend eine vertiefte Beschäftigung erfolgen kann. Beide stellen Anschlussaktivitäten und Links vor, die im Gespräch mit Kindern helfen können. Nicht zuletzt gibt es konkrete Tipps für Erwachsene. Als Mutter scheint mir vieles davon eher selbstverständlich zu sein – als Lehrerin weiß ich aber auch, dass nicht in allen Familien emotional gut für Kinder gesorgt wird und kann die Anregungen professionell aufnehmen. Sowohl Sams Geschichte als auch die von Yara und Leon bieten gute Gelegenheiten, über Diversität, Individualität und Emotionen im Allgemeinen ins Gespräch zu kommen.

Leseempfehlung:
Allen Eltern und Lehrkräften/Pädagog:innen kann ich beide Bücher sehr ans Herz legen, weil sie selbst Profis noch einmal sensibilisieren. „Sam kann nicht schlafen“ öffnet Fachkräften in Schule, OGS, Hort oder Kita nochmal die Augen dafür, woran Verhaltesveränderungen bei Kindern auch liegen können. „Yaras Sternenhimmel“ ist eine weitere schöne Ergänzung für einen Büchertisch rund ums Thema Migration, das alle Schulen, alle Klassen und somit alle Kinder direkt betrifft.

Vielen Dank an den Verlag hogrefe für die beiden Rezensionsexemplare!

Katha

Rezension: „Hoch hinaus mit Leni“

Titel: „Hoch hinaus mit Leni“
Verlag: Hogrefe (hier klicken)
Autor:innen: Sara Aeschlimann, Adrian Wullschleger
Illustrationen: Sara Aeschlimann
ISBN: 978-3-456-86380-1

Zum Inhalt:
Dieses Buch ist kein reines Bilderbuch, sondern besteht aus drei Teilen: Der erste Teil (also das Bilderbuch) erzählt die Geschichte von Leni, einem Pinguin mit viel zu großen Flügeln. Leni kann deshalb nicht so gut laufen und schwimmen wie die anderen Pinguine, fühlt sich unbegrenzt und traurig. Dann aber trifft sie den Albatros, der ebenfalls sehr große Flügel hat und Leni dazu ermutigt, diese zum Fliegen zu nutzen. Also übt Leni fleißig und schafft das Besondere. 

Der zweite und dritte Teil des Buches sind für Eltern und Pädagog:innen gedacht und beinhalten Übungen für Kinder rund um das Thema Diversität sowie Hintergründe für begleitende Erwachsene. Der Kinderteil erklärt schrittweise am Beispiel von Lenis Pinguinkolonie, was Diversität ist und lädt dazu ein, sich selbst und die eigene Umgebung zu reflektieren. Der Erwachsenenteil sammelt Impulse, wie man bewusster und reflektierter mit Diversität umgehen und diverse Kindergruppen begleiten kann.

Meine Meinung:
Lenis Geschichte ist anrührend und durch die symbolische Ebene der Tierwelt für Kinder gut greifbar – nicht umsonst wird das Motiv des Tieres, das anders ist, immer wieder aufgegriffen (am prominentesten sicher in „Findet Nemo“). Mir persönlich ist der fliegende Pinguin bzw. sind die später dargestellten Pinguine mit Rollstuhl, Blindenstock oder großen Ohren dann doch etwas zu plakativ – ich bin ja aber auch kein Kind mehr. Die Haltung hinter der Geschichte ist auf jeden Fall positiv und die Message des Buches wichtig. 
Die Begleitmaterialien sind professionell aufbereitet und geben eine sinnvolle Schrittigkeit vor. Vom Konkreten zum Abstrakten, von mir zu den Menschen um mich herum, das sind für Kinder nachvollziehbare Denkwege. Um das Buch mehrmals nutzen zu können ist es aus meiner Pädagoginnensicht sehr schön, dass die Materialien für die Kinder separat zum Download angeboten werden (über einen Code im Buch).

Leseempfehlung:
Lenis Geschichte ist gut für Kinder im Kindergartenalter und in den ersten Schuljahren geeignet. Die Materialien in Teil 2 und 3 machen es Lehrkräften leicht, das komplexe Thema von Diversität und Inklusion anzugehen und verständliche Formulierungen zu verwenden.
Das Buch kann ein sehr guter Ausgangspunkt dafür sein, ein Klassenprojekt durchzuführen, in dem alle Kinder ihre Stärken und Schwächen reflektieren und darüber ins Gespräch kommen. Dadurch kann das Lernklima unheimlich gestärkt werden, weil nochmal klar wird, dass niemand besser oder schlechter ist als andere.

Vielen Dank an den Verlag Hogrefe für das Rezensionsexemplar!

Katha