Titel: „Raus aus der Ohnmacht. Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis“ Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht (hier klicken) Autor:innen: Haim Omer, Regina Haller ISBN: 978-3-525-45913-3
Zum Inhalt: Haim Omer ist ein bekannter israelischer Professor für Psychologie und Autor zu Erziehungsfragen. Regina Haller ist eine Schweizer Schulleiterin. Beide zusammen beziehen das von Omer geprägte Konzept der Neuen Autorität auf die Schule. Sie erklären zuerst die Grundelemente des Konzepts wie Präsenz und Beharrlichkeit, Vernetzung und Öffentlichkeit und beziehen diese direkt auf die Arbeit von Pädagog:innen im schulischen Kontext. Anhand von Beispielen aus verschiedenen Schulformen und Ländern belegen Sie, wie zum Beispiel eine erhöhte Präsenz von in Schule Tätigen sowohl zur Prävention von Fehlverhalten dient als auch bei Störungen helfen kann. Es finden sich sehr konkrete Schilderungen methodischer Vorgehensweisen, vor allem aber Erläuterungen zur Haltung der Neuen Autorität. Ein Kapitel widmet sich konkret der Rolle von Schulleitungen, die Neue Autorität an ihrer Schule etablieren wollen.
Meine Meinung: Bereits das Vorwort des Buches machte mir beim Lesen klar, dass ich defintiv ein „Fangirl“ der Neuen Autorität (NA) bin und meine Einstellung zu den in Erziehungskonzepten oft geünschten Strafkatalogen hier gut aufgehoben ist. An vielen Stellen musste ich beim Lesen nicken und eine Menge an Ausrufezeichen, Smileys und Herzen zieren die Seitenränder in meinem Rezensionsexemplar. Dem Autor:innengespann gelingt es gut, in das Konzept einzuführen und von Beginn an klarzumachen, dass es keinen reinen Methodenkoffer darstellt, sondern eine Haltung. Sie betonen wiederholt, dass ich sowohl als einzelne Lehrkraft im Sinne der Neuen Autorität arbeiten kann als auch ein ganzes Kollegium sich in diese Richtung orientieren kann. Das ist entlastend für diejenigen Lehrkräfte, die der NA gegenüber aufgeschlossen sind, aber im Kollegium keinen Rückhalt haben (soll es ja geben🙄). Mein erster Kontakt mit der NA war als recht junge Lehrerin Rudi Rhodes Buch „Stop, die Regel gilt!„. Die aktuelle Lektüre vertieft meine damals entwickelte Haltung und bestätigt mich darin, meine LAA in genau diese Richtung zu begleiten.
Leseempfehlung: Du bist unzufrieden mit gehäuften Störungen in der Schule? Du hättest gern einen neuen Zugang dazu? Du hast keine Lust auf Ampelsysteme oder Maßnahmenkataloge? Dann bist du vielleicht reif für die Neue Autorität! Lies dieses Buch! Es wird etwas mit dir machen.
Vielen Dank an den Verlag V&R für das Rezensionsexemplar!
Wenn du diesen Satz noch nie zu einem Kind gesagt hast, brauchst du hier eigentlich nicht weiter zu lesen. Wenn dir dieser Satz aber doch schonmal rausgerutscht ist und dir das nicht gefällt, dann bleib gern hier. In letzter Zeit habe ich mich mit verschiedenen Themen beschäftigt bzw. bin über ganz unterschiedliche Veröffentlichungen gestolpert, die irgendwie immer wieder bei Haltung und Sprache ankommen. Heute möchte ich deshalb hier ein paar Fäden aufnehmen und verknüpfen, die letztendlich zu der Frage führen, wie ich als Lehrkraft meine Sprache reflektiert einsetzen kann. Überall habe ich Links eingebaut, die euch zu jedem Thema weiterführende Lesemöglichkeiten anbieten.
Faden 1: „Growth Mindset“ Der von der Psychologin Carol Dweck geprägte Begriff Growth Mindset beschreibt eine Haltung, die die eigene Entwicklung fokussiert und den Menschen als immer im Wachstum befindlich versteht. Im deutschsprachigen Raum und auf Schule bezogen hat Carolin von St. Ange (Instagram: @learnlearningwithcaroline) viel zur Förderung eines Growth Mindsets veröffentlicht. Die Aussage „Ich kann es NOCH nicht“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Sie zeigt außerdem, dass Sprache einen Unterschied macht, der manchmal ganz klein ist. Im Netz findet man in der Denkrichtung des Growth Mindset häufig sog. Affirmationen, also Mottosätze oder Mantren, die Lernende sich vorsagen oder auch gesagt bekommen sollen. Hier muss man jedoch meines Erachtens gut aufpassen, dass diese Affirmationen keine hohlen Phrasen bleiben, sondern sich auch in der sonstigen pädagogischen Arbeit wiederfinden.
Faden 2: „Neue Autorität“ Schon lange beschäftige ich mich immer wieder mit dem Konzept der Neuen Autorität nach Haim Omer, Psychologe und Autor*. Diese veränderte Sichtweise auf Autorität hat mich als Junglehrerin sehr bewegt und der Blick darauf, wie ich meine Autorität, die ich „qua Amt“ habe, ohne Machtausübung einsetze. Hier war da Buch „Stopp – die Regel gilt“ von Rudi Rhode und Mona Sabine Meis ein echter Gamechanger für mich. (Das empfehle ich auch meinen LAA immer wieder gern.) Mitgenommen habe ich vor allem, SuS gegenüber meinen Standpunkt fest zu vertreten und dabei dennoch weder in die Rechtfertigungsfalle zu tappen noch mein Gegenüber klein zu machen. Ein gern genutztes Beispiel für diese Herangehensweise ist die Methode „Kaputte Schallplatte“: Statt verschiedene Gründe aufzuzählen, warum ein Kind etwas tun (oder lassen) soll, beharre ich freundlich aber bestimmt darauf, dass es das tut (oder lässt). Kein Raum für Diskussionen. Mein Lieblingsansatz im Sinne der neuen Autorität ist es, einem störenden Kind zu signalisieren „Ich bin da, auch wenn du schwierig bist“ bzw. „du bist in Ordnung, aber dein Verhalten geht so nicht“. Auch aus der NA leitet sich die Strategie des Vertagens ab. Sie besagt, dass Konflikte nicht in der Situation geklärt werden sondern zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Zugänglichkeit erhöht ist. Raphael Kirsch erklärt das in dieser Podcastfolge sehr gut. Merksatz hierfür ist „Schmiede das Eisen, solange es kalt ist.“
Faden 3: „Meine Haltung, meine Werte“ Der Beginn des Vorbereitungsdienstes ist in unserem ZfsL im Kernseminar die Zeit, in der wir grundlegend am Themenkomplex Haltung, Werte, Autorität arbeiten. Zuletzt habe ich noch die Themen Mindset (s.o.) und Resilienz eingeflochten. Ein Bewusstsein darüber, welche Werte mir beruflich wichtig sind, führt zu reflektierterem Handeln und Sprechen. Werte wie Freundlichkeit, Offenheit oder Demokratie führen, wenn man sie bewusst lebt, automatisch zu einer darauf ausgerichteten Kommunikation mit Kindern und Kolleg:innen. Apropos Werte: Authentizität wird von vielen Lehrenden als wichtiger Wert genannt. Das führt uns zu…
Faden 4: „Ich-Botschaften“ (inkl. GfK) Wir alle haben in der Schule oder im Studium verschiedene Kommunikationsmodelle von den Schulz von Thunschen Vier Ohren bis zu Watzlawicks „Man kann nicht nicht kommunizieren“ kennengelernt. Immer wieder landet man bei diesen Modellen bei Ich-Botschaften zum Vermeiden kommunikativer Störungen. Wer klare Wünsche und Bedürfnisse kommuniziert, wird eher anerkannt und erreicht sein Ziel häufiger. Ein besonders geregeltes (humanistisches) Kommunikationsmodell ist in diesem Rahmen die sog. Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, Schüler von Carl Rogers. GfK kann „sowohl bei der Alltags-Kommunikation als auch bei friedlichen Konfliktlösungen im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein“ (Quelle: siehe Link). In der Grundschule taucht sie verbildlicht als Wolfs- und Giraffensprache immer wieder auf.
Faden 5: Reframing Eine Technik, die ich schon lange kenne, aber deren Namen ich erst während meiner Coachingausbildung gelernt habe, ist das Reframing, wörtlich: einen neuen Rahmen herstellen, etwas neu rahmen. Hier geht es darum, nicht nur die erste Wahrnehmung einer Situation oder einer Person zu nutzen, sondern verschiedene Perspektiven darauf einzunehmen. Ich hinterfrage aktiv oder angeleitet, welche Hintergründe es wohl zu einem bestimmten Verhalten gibt und kann dadurch oft besser verstehen, warum eine Person so handelt wie sie es tut. Der Leitspruch „Bevor ein Kind Probleme macht, hat es welche“ begleitet mich bereits sehr lange, da ich irgendwie recht feine Antennen für mögliche Ursachen und Hintergründe habe. Viele Studierende und LAA, die ich einen „Lieblingsstörer“ reframen** lasse, berichten danach von einem deutlich verbesserten Verhältnis zu diesem Kind und eben einer veränderten Sicht auf Störungen. In meiner Sprache spiegelt sich Reframing vor allem dadurch wider, dass ich als Lehrkraft weniger feststelle und mehr hinterfrage, was los ist – auch, wenn ich mir eigentlich sicher bin, die Situation durchschaut zu haben.
Alle Fäden führen dazu, über Sprache von Lehrkräften nachzudenken. Mit meinen LAA habe ich deshalb nach den ersten Kernseminarzeiten Ankersätze gesammelt. Das sind Sätze, die ich sammeln und speichern kann, um sie im Alltag, vor allem aber in stressigen Situationen parat zu haben. Somit geht es eindeutig auch um eine Professionalisierung des eigenen Handelns. Inspiriert zu diesem Vorgehen hat mich u.a. ein Fund von Michael Elberth aka Doodleteacher und Saskia Niechzial aka liniertkariert, die gemeinsam SOS-Sätze veröffentlicht haben. Uns allen im Kernseminar ist beim Sammeln aufgefallen, wie gut wir viele Sätze fanden, dass wir aber in einer kritischen oder stressigen Situation nicht darauf gekommen wären. Deshalb eben die Sammlung! Und hier sind unsere Sätze:
Ich habe dich gesehen. Ich komme gleich zu dir, um mit dir zu sprechen.
Wir klären das nach der Stunde / gleich / in der Pause / … in Ruhe.
Geh bitte schonmal an Ort X. Ich komme zu dir, sobald ich hier die Aufgabe erklärt habe.
Ich sehe, dass du gerade wütend / traurig / … bist. Lass uns später mit einem klaren Kopf darüber sprechen, was gerade los war.
Ich muss erstmal überlegen, wie wir das lösen können. Dann sprechen wir noch einmal darüber.
„Ich habe es gesehen – ich dulde es nicht – ich komme darauf zurück!“ (Haim Omer / Regina Haller: Raus aus der Ohnmacht. Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis, S. 27)
Ich habe dich gehört. aber ich rede gerade mit XY. Danach bin ich für dich da.
Ich finde es gerade zu laut hier. Ich kann mich so nicht konzentrieren. Und manchen Kindern geht es bestimmt ähnlich.
Entschuldigt, dass ich da so geschimpft habe. Ich war überrascht und habe nicht gut reagiert.
überhaupt: sich entschuldigen, Fehler eingestehen
Es ist ok, dass du grad wütend / traurig / … bist. Was brauchst du gerade, damit es besser wird?
Wie kann ich dich bei xy unterstützen?
Du bist hier immer Willkommen.
Dein Verhalten stört (uns beim Lernen). Statt „Du störst“!
Ich habe das Gefühl, du bist gerade sehr aufgewühlt. Wenn du dich bereit fühlst, bin ich für dich da.
Tipp: Kommunikation durch das Klassentier, das Klassentier als Helfer, Tröster, Beruhiger einsetzen
Manchmal überrollen uns unsere Gefühle, aber ich bin da für dich.
Ich glaube daran, dass du das schaffst!
Versuch das mal, du schaffst das schon!
Lass uns zusammen den ersten Schritt machen, dann schaffst du den Rest auch.
Darauf kannst du richtig stolz sein.
Das lernen wir noch gemeinsam.
generell: Fortschritte sichtbar machen, immer wieder thematisieren
Diese Sätze sind Beispiele, zeigen aber hoffentlich gut die Haltung, die dahinter steckt: Weniger lospoltern, weniger bewerten („We listen, but we don’t judge!„), mehr zuhören und Hilfe anbieten.
Danke fürs Lesen bis hierhin! Ich würde mich sehr über deine Ergänzung freuen – hier oder bei Instagram oder per Mail. Katha
** Auf dieser Seite findet ihr auch weitere tolle Visualisierungen von Kristin Wiens, die verschiedenste Stressoren nennen, welche Kinder beeinflussen können. Du findest sie bei den Example stressors.