Rezension: „Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte“

Titel: „Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte“
Verlag: NordSüd (hier klicken)
Autor:innen und Illustrationen: Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger
ISBN: 978-3-314-10778-8

Zum Inhalt:
Herr Leopold konnte schweben, seit er klein war. Niemand wusste, wieso. Und weil das für viele ein Problem war, beschwerten die Menschen den kleinen Herrn Leopold so lange, bis er endlich am Boden blieb. Herrlich normal also, könnte man meinen.
Im hohen Alter trifft der „geerdete“ Herr Leopold unerwartet die kleine Mathilda, die ebenfalls schweben kann. Er erinnert sich an seine luftige Kindheit und versucht, selbst auch wieder die Füße vom Boden zu bekommen. Ob er es schafft?

Meine Meinung:
Ein schwebeleicht daherkommendes Bilderbuch mit ziemlich viel Gewicht in seiner Message! „Ich hatte nur vergessen, wie es sich anfühlt, unbeschwert zu sein“, stellt Herr Leopold fest. Und hier liegt die Kraft dieser Geschichte auf dem Silbertablett: Wir leben als Kinder (hoffentlich) unbeschwert in den Tag hinein und lernen beim Aufwachsen immer mehr, den Ansprüchen gerecht zu werden, die an uns gestellt werden. Wir werden quasi „beschwert“, wie es Herr Leopold ganz wörtlich auch erlebt hat: viele Dinge wurden auf ihm abgeladen, sinnbildlich für die vielen Verantwortlichkeiten, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Es gibt ein Bild, auf dem Herr Leopold nach und nach älter wird und dabei immer weniger Gepäck mit sich herum trägt – auch hier wiederholt sich das Sinnbild des Beladenseins sehr schön. Das Schweben ist also Unbeschwertheit, für mich auch Fantasie und die Freiheit, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen. Bezeichnend ist, dass letztendlich die Gedanken wirksam werden, keine Aktionen oder Techniken. Deshalb gibt mir Herrn Leopolds Geschichte viel Mut und Hoffnung, dass ich das Schweben vielleicht auch noch lerne…
Die Illustrationen finde ich genauso zauberhaft, wie die Arbeit des Duos Gugger/Röthlisberger mir schon beim „Wortschatz“ gefiel. Eine herrlich leichte Art mit sanften Farben, gehighlighted mit neonpinken Akzenten, die sich vom Cover quer durch das Buch ziehen. Die verbalen Metaphern und die Bilder gehen Hand in Hand.

Leseempfehlung:
Meine Empfehlung richtet sich zuerst an alle Fans von Bilderbüchern „mit Message“, also tiefgründigeren Geschichten, die zum Nach- und Weiterdenken anregen. Sie geht zudem an Erwachsene, die viel funktionieren und wenig schweben – ihr könnt euch an Herrn Leopold und Mathilda ein Beispiel nehmen!
Zuletzt immer der Gedanke, ob und wie das Buch in den Kontext Grundschule passt: Mit einer Klasse, die man gut kennt, bietet die Geschichte einen tollen Ausgangspunkt um darüber zu sprechen, was einen beschwert und wo man sich leicht fühlt – also ganz viel Selbstreflexion, die zu verbesserter Selbstregulation führen kann. Zudem kann ich als Lehrkraft aus solchen Gesprächen auch lernen, was meinen Schüler:innen gut tut, womit ich sie stützen kann und womit erleichtern.

Vielen Dank an den NordSüd-Verlag für das wundervolle druckfrische Rezensionsexemplar!
Katha

Selbsteinschätzung fördern

Heute sammle ich hier ein paar Gedanken, die sich in den letzten Wochen in verschiedenen Unterrichtsbesuchen bei meinen LAA angesammelt haben: es geht um die Kompetenz, sich selbst einzuschätzen.

Auf der geheimen und doch jedem bekannten Liste guter Zutaten für einen Unterrichtsbesuch steht unter anderem, dass (dreifach) differenzierte Arbeitsblätter wichtig sind und die Kinder den Schwierigkeitsgrad selbst wählen sollen. „Oh je!“, denke ich da oft, denn vielfach handelt es sich hier um eine rein quantitative Differenzierung und nur selten finde ich Material, das wirklich qualitativ unterschiedliche Zugänge ermöglicht. Wenn ich schon keine in sich diffrenzierte Aufgabe finde, an der alle Kinder auf ihrem Leistungsniveau arbeiten können, dann sollten differenzierte Materialien sich eben wirklich an den Bedarfen der Kinder orientieren und nicht nur am Umfang.

Hinzu kommt, dass (angehende) Lehrkräfte doch oft erstaunt sind, dass die Schüler*innen sich zu leichte oder zu schwierige Aufgaben aussuchen. Schnell landen wir bei der Suche nach Ursachen dafür bei der Vermutung, dass fittere Kinder es sich leicht machen wollen oder schwächere Lerner*innen nicht schlechter dastehen wollen als ihre Mitschüler*innen. Das hat sicher einen wahren Kern, kratzt aber eher an der Oberfläche. Häufig stellt sich heraus, dass die Kinder einfach extrem wenig Erfahrung damit haben, sich selbst einzuschätzen oder solche Erfahrungen nur aus anderen Fächern mitbringen. Ein Beispiel: Lesespuren werden häufig differenziert angeboten. Die SuS wählen die Variante mit einem, zwei oder drei Sternen oder sonstigen Symbolen aus und bearbeiten diese. Gern wird am Ende darüber gesprochen, ob man die richtige Spur gewählt hat und woran man das merken kann. Der entscheidende Schritt aber fehlt: diese reflektierte Auswahl auf eine neue Lesespur übertragen, sich noch einmal ausprobieren, wieder überprüfen, ob die gewählte Stufe zu mir als Lernendem passt.

Immer wieder müssen die Kinder in Situationen kommen, in denen sie ihre eigene Leistungsfähigkeit einschätzen müssen. Wichtig ist es hierbei auch, an ähnlichen Inhalten wie z.B. Lesetexten wiederholt eine Einschätzung zu üben. Von grundlegender Bedeutung – und hier schließt sich der Kreis – ist dabei die Auswahl der Aufgaben, die eben nicht nur rein quantitativ erfolgen darf (hier musst du mehr machen als dort / ein Stern ist leichter als zwei Sterne), sondern dass die Texte z.B. in der Länge, der Komplexität, der Wortwahl, der Syntax schwieriger werden. Selten darf ich erleben, dass LAA so weit gedacht haben und die Differenzierungsstufen deutlich hervortreten. Dafür gibt es dann immer besonderes Lob. Häufiger sehe ich aber Wort – Wortgruppe – Satz als Abstufung, also vorrangig an der Textmenge differenziert.*

Zuletzt haben eine LAA, ihre Mentorin und ich im Gespräch eine Variante der Reflexion erarbeitet, die sicher nicht die Neuerfindung des Rades ist, uns aber allen als sinnvoll und auch anwendbar erschien: vor der Arbeitsphase klammern die Kind eine Wäscheklammer mit ihrem Namen an ein Schild oder einen Zettel mit dem gewählten Schwierigkeitsgrad. Nach der Arbeitsphase kann dann wie gehabt reflektiert werden, ob die Wahl günstig war oder ob beim nächsten Mal eine andere Stufe gewählt werden sollte. In diesem Fall klemmt das Kind seine Klammer zum jeweiligen Symbol um. Somit kann das Kind dann in der möglichst bald folgenden nächsten ähnlichen Aufgabe direkt auf den gewählten und reflektierten Schwierigkeitsgrad wählen. Eine sonst häufig zu beobachtende Einflussnahme der Lehrkraft entfällt, weil das Kind selbst die Entscheidung getroffen hat, z.B. beim nächsten Mal etwas Schwierigeres zu versuchen.

So könnte es dann aussehen. Die Dokumentation der Reflexion ist gleichzeitig die Ausgangslage für die Folgestunde.

Jetzt noch eine Einschränkung: hier ging es heute speziell darum, die Selbsteinschätzung bei der Auswahl von geeigneten Aufgaben zu stärken. Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem sehr umfassenden Thema, das eben auch Einschätzungen des Lernfortschritts, von Erfolgen oder Schwierigkeiten beinhaltet. Da dieses Thema aber gerade viele Gespräche für mich prägt, wollte ich diesen Ausschnitt trotzdem mit euch teilen. Vor allem aber sollen diese Ausführungen nicht den Eindruck erwecken, ich erwarte dreifach oder noch stärker differenzierte Aufgaben von meinen LAA. Nein! Bestenfalls muss gar nicht durch Material oder AB differenziert werden, sondern die Aufgabe erfüllt die Kriterien einer „Guten Lernaufgabe“**. Aber da, wo differenziert wird und da, wo Kinder zwischen verschiedenen Aufgabenstufen wählen dürfen/müssen – da wünsche ich mir offene Augen, die Möglichkeit, sich auszuprobieren, seine Entscheidung/Einschätzung zu überprüfen und revidieren zu können.

Sehr gern nehme ich wie immer auch eure Ideen zu diesem Thema als Kommentar in Empfang!

Sonnige Grüße von der Terrasse!
Katha

* Mögliche Varianten im Beispielbereich Lesen können sein: der Umfang/die Textmenge, geübte/ungeübte Buchstaben, lautgetreue Wörter/Wörter mit schwierigeren Buchstaben, einfache Hauptsätze/Nebensätze/verschachtelte Sätze, Aussagesätze/Sätze mit Rätselcharakter, Aussagen/Beschreibungen etc.

** Gute Lernaufgaben hier beispielhaft für Mathematik definiert von Pikas.