Büchertisch „Migration und Flucht“

2015 gab es die große Flüchtlingswelle aus Syrien, seit 2022 kommen viele Familien mit schulpflichtigen Kindern aus der Ukraine nach Deutschland, um hier sicher leben zu können. Die erste Situation habe ich als Lehrerin miterlebt und erinnere mich auch noch an mehrere Kinder und Familien aus dieser Zeit. Die zweite Welle von kein bis wenig deutschsprechenden Kindern erlebe ich fast ausschließlich als Seminarausbilderin mit, also quasi „second hand“. Den größten Unterschied sehe ich in den technischen Möglichkeiten der Übersetzungstools, manche davon mit KI im Herzen: viele meiner LAA nutzen sie, um eine Basiskommunikation mit den Kindern aufzubauen oder auch um Arbeitsaufträge und Material in der Muttersprache der Geflüchteten zu übersetzen. Das ging so 2015 für mich noch nicht so gut und ich erinnere mich an viele, teils lustige Gespräche mit Händen und Füßen, die ich sowohl mit einer jungen Syrerin in meiner Klasse als auch mit ihrer Familie führte. Was mir beim ganzen Thema Krieg, Flucht und Migration oft zu kurz kommt ist die Tatsache, dass diese Kinder nicht einfach nach Deutschland gezogen sind, sondern dass es gewichtige Gründe für die Flucht der Familien gab und nicht selten traumatische Erfahrungen gemacht wurden. Immer, wenn auf dem nahe gelegenen Truppenübungsplatz geschossen wird, geht mir dieser Gedanke durch den Kopf. Wir hier in Frieden Aufgewachsene, also auch die Majorität unserer Schüler:innen, kann sich gar nicht vorstellen, was so ein Kind alles erlebt haben kann.

Aus diesem Grund möchte ich euch heute einige Bücher vorstellen, die mir als Lehrkraft rund um das Themenfeld „Migration und Flucht“ als sehr geeignete Lektüre zur individuellen Weiterbildung einerseits und andererseits für den Einsatz im Unterricht erscheinen.

Teil 1: Bücher, um sich selbst einzulesen und zu sensibiliseren
Das Integrationsexperiment“ von Anant Agarwala war das erste Buch, das ich aus diesem Themenfeld gelesen habe. Es zeigt gut, wie schwierig es für Zugewanderte ist, die geforderte Integration auch zu erreichen. Die aktuellen Diskussionen um z. B. die Streichung von Mitteln für Sprachkurse passen dazu gut.
Zuletzt habe cich zwei Bücher von Aladin El-Mafaalani gelesen: „Das Integrationsparadox“ & „Kinder – Minderheiten ohne Schutz„. Besonders das zweite Buch fand ich schon harten Tobak für einen so positiv denkenden Menschen wie mich. Aber die Erklärungen zu superdiversen Kindheiten, also dem extrem unterschiedlichen Aufwachsen vermeintlich homogener Gruppen wie „Kinder mit Migrationshintegrrund“, regen sehr zum Nachdenken und genaueren Hinsehen im Alltag an.

Teil 2: Bilderbücher für den Einsatz im Unterricht
Meine Erfahrung zeigt mir, dass gerade „schwierige“ Themen mit Kindern immer gut ausgehend von einem fiktiven Stoff im Kinder- bzw. Bilderbuch angegangen werden können. Auch beim Thema Flucht stellt man natürlich nicht ein frisch zur Klasse gestoßenes Kind in den Mittelpunkt und erklärt, was es wohl durchgemacht hat. Typische Flucht- bzw. Migrationsgeschichten ermöglichen den Kindern das Einfühlen statt bloßen Bemitleidens, das verstehen von Hintergründen. Diese drei Bücher aus meinem Regal kann ich auch dafür ans Herz legen:
Zuhause kann überall sein“ hat mich sehr beeindruckt. Die tolle Sprache der Farben und die Symbolik zum Erlernen einer neuen Sprache sind unheimlich gut dargstellt. Jedes Kind dürfte sich in die Hauptfigur hineinversetzen, die im neuen Land zuerst nichts Vertrautes finden kann.
In der Schlange der Träume“ erzählt eindrücklich davon, wie anstrengend, beängstigend und gefährlich die Flucht aus einer Kriegsregion ist. Beide Bücher lassen sich also hervorragend kombinieren.
Zuletzt habe ich noch „Yaras Sternenhimmel“ gelesen, das einen späteren Zeitpunkt in den Blick nimmt: die Sprache gelernt haben, integriert sein und dennoch eine andere Heimat zu fühlen. Auch dieser Aspekt kann von den Kindern gut nachvollzogen werden.

Ich hoffe, ich konnte dir ein paar Anregungen mitgeben. Die wichtigste ist und bleibt aber für mich, immer den Menschen im „Flüchtlingskind“ zu sehen und das System mit seinen Ansprüchen auch mal zurechtzubiegen.

Katha

Rezension: „Konflikt der Generationen“

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Titel: „Konflikt der Generationen. Von den Boomern bis zur Generation Z
Verlag: YES (hier klicken)
Autor: Rüdiger Maas
ISBN: 978-3-96905-333-1

Zum Inhalt:
Nach der Klärung des uneinheitlich ausgelegten Generationenbegriffs stellt der Autor anhand von fiktionalen Charakteren die Besonderheiten der Generationen der letzten rund 100 Jahre vor: Beginnend bei Erna als Stellvertreterin der Kriegsgeneration über Christian und Markus aus der Generation X bis zu Ben und Mia aus der Generation Beta, deren Geburt noch bevorsteht. Dabei stellt er typische, gar stereotype Aussagen und Verhaltensweisen zusammen, beleuchtet aber auch, unter welchen Voraussetzungen diese Menschen jeweils aufwuchsen. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie z. B. die Frage nach der Gleichberechtigung. Ergänzt werden die Ausführungen hier und da mit Schaubildern aus Umfragen des Instituts für Generationenforschung des Autors.
Zuletzt wagt Rüdiger Maas einen utopischen (oder dystopischen?) Ausblick auf die nächste Generation und ihr Aufwachsen.

So definiert das Institut zur Generationenforschung die Generationen.

Meine Meinung:
Wer von sich behaupten kann, Stereotypen nicht zu verfallen und Menschen neutral gegenübertreten zu können, dem oder der kann ich nur gratulieren. An mir selbst beobachte ich immer wieder, wie ich in Schubladendenken verfalle und z.B. dem Narrativ der „alten weißen Männer“ innerlich nickend zustimme. 
In diesem Sinne fand ich „Konflikt der Generationen“ wirklich erhellend, weil ich Einblicke in meine Eltern- und Großelterngeneration bekam, die ich so bislang nicht hatte. Viele Ansichten Älterer finde ich schwer nachvollziehbar, was Maas zu meinem Glück als normal einstuft – aber durch seine prägnanten Beschreibungen der Beispielpersonen sind mir manche Positionen verständlicher geworden. Auch der Blick auf die nachfolgenden Generationen, die ich gerade einerseits zuhause habe als auch als Fachleiterin ausbilde, wurde nochmal sehr geschärft. So hoffe ich, in Zukunft etwas weniger vorurteilsbeladen an meine Umwelt heranzugehen. Und ich habe schon einige Argumente gesammelt für Gespräche mit Menschen in Familie, Verein oder beruflicher Umgebung, die „die Jugend von heute“ leicht verteufelt. 😏

Leseempfehlung:
Uneingeschränkt! Jede:r kann davon profitieren, den eigenen Geist ein wenig zu öffnen!
Für alle in Schule tätigen ganz speziell finde ich das Buch allerdings auch hilfreich, vor allem diejenigen, die keine eigenen Kinder im Schulalter haben: ihr bekommt wirklich neue Sichtweisen und müsst euch vielleicht manchmal nicht mehr so aufregen, sondern eher wissend schmunzeln. Es hilft sicher, den Umgang mit Schüler:innen, jüngeren oder älteren Kolleg:innen oder Menschen in Ausbildung professioneller zu gestalten.

Vielen Dank an den YES-Verlag für das Rezensionsexemplar!
Katha