Spielmaterial mit Struktur (ein Plädoyer für mehr Offenheit)

Irgendwie fiel es mir etwas schwer, einen guten Einsteig in diesen Beitrag zu finden. Einerseits soll er dazu dienen, eine Idee mit euch zu teilen, andererseits klage ich ein bisschen über eine bestimmte Art von Materialien, über die ich momentan vor allem bei Instagram häufig stolpere (aber dort nicht jedes Mal kritisch kommentieren möchte).

Aber eins nach dem Anderen!
Als ich in den 2000ern meinen Vorbereitungsdienst absolvierte, habe ich noch viel selbst gebastelt bzw. von meinem Mann (Tischler) basteln lassen. Schachteln und Dosen wurden aus den wildesten Dingen gemacht (🙈). Mit dem Drucker und Laminiergerät war ich durchaus kreativ. Vieles war eben aus Papier und Pappe, weil es nichts Haltbareres gab…
Heute gibt es tolle, ansprechende Boxen für jeden Einsatzzweck bei Amazon, Action, Tedi und Co., zudem habe ich inzwischen Zugriff auf einen Schneidplotter und sogar 3D-Drucker. Das eröffnet unfassbare neue Möglichkeiten, wenn man im Klassenraum auch etwas Wert auf Ästhetik legt. Oft denke ich aktuell beim Scrollen sowas wie „Wenn ich das damals als Klassenleitung* schon zur Verfügung gehabt hätte!“

Ein Beispiel: Freiarbeitsmaterial (z. B. im Wochenplan)

Mein Wochenplanangebot in der Schuleingangsphase hätte bestimmt anders ausgesehen. Sowieso gab es neben Aufgaben im Arbeitsheft bzw. neben Arbeitsblättern immer schon freiere Materialien, Puzzles oder Steckperlen für meine Klasse. [Unvergessen, wie einer meiner Erstklässler mir damals erklärte: „Steckperlen sind aber schon eher für die Feinmotorik, oder?“] Ich fand es immer wichtig, dass der Umgang mit anspruchsvollen und ansprechenden Materialien genauso zum Lernen dazugehört wie das Schreiben und Lesen. Zudem gab es immer auch Angebote, die in Partnerarbeit oder kleinen Gruppen zum Spielen genutzt werden konnten.

Wenn mich jemand fragt, wie ich das rechtfertige, dann geht das ganz einfach: a) braucht jeder Mensch mal Pausen von der Arbeit, vor allem Erstklässler:innen. Und so verbringen sie diese Pausen zwar mit uns im Klassen- oder Nebenraum, können aber dennoch mal abschalten. Und b) werden alle möglichen feinmotorischen Skills gefördert, manchmal auch Sozialkompetenz oder Basics wie die Frustrationstoleranz. Deswegen standen die Materialien in meiner Klasse auch immer allen zur Verfügung.

Gerade besteht die Chance, früher oft nur teuer oder nur in kleiner Stückzahl verfügbare Materialien relativ günstig mit Hilfe eines 3D-Druckers selbst herzustellen und so die Bandbreite an Bildungsspielzeug zu erweitern. Diese tollen Steckverbinder zum Beispiel sind online kostenfrei als Druckdatei zu finden. Sie laden dazu ein, mit ihnen zu experimentieren, zu bauen, abzubauen und Neues zu versuchen. Sie können mit verschiedenen Holzstäbchen genutzt werden und fördern neben der Feinmotorik und Kreativität auch das räumliche Vorstellungsvermögen.

Hier ist der Link zur Datei der Steckverbinder in der Bambu-Makerworld**. Die stapelbaren Kästchen habe ich ebenfalls dort gefunden, jedoch in der Größe etwas reduziert. Sie passen schön fest aufeinander.

Offenheit des Materials – ein kleiner Rant

Was mir dabei besonders wichtig ist, ist die Offenheit des Materials! Aktuell beobachte ich viele interessante Materialien wie …
🟢 geometrische Formen, aus denen man Muster legen kann,
🟡 Pompoms, die in Reihen gelegt werden,
🔴 Zettel mit Viertelkreisen, die symmetrische Muster ermöglichen
🔵 dreidimensionale Holzschienen, in denen Tiere u.ä. eingesetzt werden können
🟣 u. v. m. – Instagram regelt 😉

Zu vielen dieser Materialien gibt es eine Kartei, deren Beispiele die Kinder nachlegen sollen. Warum?
Warum dürfen die Kinder nur die Muster und Figuren nachahmen, die ihre Lehrkraft (oder die KI??) erfunden hat? Warum dürfen die Kinder nicht selbst Muster und Figuren erfinden und dabei zum Beispiel Symmetrien entdecken?
Ich frage mich häufig, woher bei vielen Lehrkräften das Bedürfnis kommt, dass alles gelenkt und kontrollierbar sein muss. Kinder einfach auf einem leeren Blatt / einer Heftseite arbeiten lassen? Herrjemine! Schüler:innen sortieren, zusammenstecken, ausprobieren lassen? Wohin soll das nur führen?

Ich wünsche mir und den Kindern Zeit, das Material einfach mal auszuprobieren und ihre eigenen Ideen umzusetzen.
Grund 1 dafür ist die unheimlich wertvolle haptische Erfahrung, die viele Kinder leider heutzutage immer weniger machen. Wir können sie in Schule ermöglichen!
Grund 2 ist die Erziehung zur Selbstständigkeit. Wenn wir die Kinder nicht nur auf Arbeitsblättern sondern auch noch bei solchen tollen Materialien nur noch zum Abarbeiten von Vorlagen anhalten, brauchen wir uns über mangelnde Eigeninitiative nicht wundern.
Grund 3 ist die Chance für Erfolgs- und Kompetenzerleben, das den Kinder bei eigenen Schöpfungen ermöglicht wird. („Guck mal, was ich gebaut habe!“)

Danke für Lesen bis hierhin! Teile deine Gedanken und Erfahrungen gern hier als Kommentar oder beim Instagramaccount von Prima(r)Blog!

Katha

* oder auch damals, als die Kids noch klein waren
** Wer allerdings auch jedes Teil in einer andern Farbe haben möchte, muss an der Datei noch ein bisschen arbeiten. Meine Erfahrung zeigt auch, dass man max. 20 Elemente auf eine Druckplatte setzen sollte, da es sonst leicht zu Fehldrucken kommt.

Kinder brauchen Ermutigung und Zutrauen!

Aufmerksame Leserinnen und Leser wissen, dass ich momentan kaum selbst unterrichte, was wirklich schade ist. Aber ich darf fast täglich meine LAA besuchen und bin somit regelmäßig in allen vier Jahrgängen in den Fächern Deutsch und Mathematik unterwegs – zumindest als Gast. Die LAA haben dabei sehr unterschiedliche Voraussetzungen, was ihre Klassen angeht: von der 1-2-zügigen Dorfschule bis zur 4-zügigen Brennpunktschule ist alles dabei, von 17 bis 29 Kindern, von hohem sozioökonomischem Status bis hin zum anderen Extrem.
Auch die eigene Erfahrung und Haltung der angehenden Lehrkräfte selbst ist durchaus heterogen. Was aber nicht zu verachten ist: die Haltung der ausbildenden Lehrkräfte, des Kollegiums, der Schulleitung haben einen mindestens ebenso großen Einfluss auf die Art des Unterrichtens.

Dass Vieles „passt“, sehe ich als unbeteiligte Beobachterin daran, dass ein*e LAA den Kindern etwas zutraut und sie ehrlich ermutigt, ihr Bestes zu geben.

Ich meine dabei nicht ritualisiertes gutes Zureden oder das Lob jeder Kleinigkeit; genauso wenig hohle Phrasen wie „Ist nicht schlimm, wenn du nicht alles schaffst / nicht fertig wirst.“ Ich meine nicht drei-, vier-, fünffach differenzierte Arbeitsmaterialien mit verschiedenen Zahlenräumen oder Unterstützungsstufen. Nein – ich meine das selbstverständliche Öffnen der Klassenraumtür, damit Kinder in Nebenräumen oder auf Fluren arbeiten können. Ich meine anspruchsvolle Aufgabenstellungen, die die Kinder wirklich herausfordern und nicht nur beschäftigen, bestenfalls zu oberflächlichen Entdeckungen leiten. Ich meine eine methodische Gestaltung des Unterrichts mit Ritualen und Abläufen, die den Kindern Sicherheit geben und die sie mit gestalten können. Ich meine das Ermöglichen von echten fachlichen Gesprächen unter den Kindern und ein Sich-Einlassen auf die möglichen Ergebnisse.

Manches davon ist Werkzeug, das sich gut erlernen lässt. Aspekte des sog. Classroom Managements kann man sich gut aneignen; auch Schritte der Öffnung des Unterrichts (wie sie u.a. Falko Peschel definiert) kann man planen lernen. Wenn aber die Haltung dahinter nicht stimmt, dann bleibt jede Bemühung auf einer oberflächlichen Ebene. Wer seinen Unterricht an die (potentiellen) Wünsche von Ausbilder*innen oder einer Prüfungskommission ausrichtet, wird Kinder kaum ernsthaft „mitnehmen“ können.

Richtig interessante Stunden sind Stunden, in denen die Kinder wirklich aktiv sind, kommunizieren und am Ende einen echten Lernzuwachs verzeichnen können. Diese Stunden brauchen eine Lehrkraft (bzw. LAA) mit dem Mindset, die Kinder beim Wachsen zu unterstützen. Sie sind vor allem aber dort möglich, wo bisherige Lehrkräfte den Unterricht ebenso konstruktiv gestalteten und die Kinder gelernt haben, dass ihre Ideen wichtig sind und Fehler ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen sind.

Ich schließe meinen kleinen Rant heute deshalb mit dem Plädoyer an alle ausbildenden und auch die (momentan) nicht ausbildenden Kolleginnen und Kollegen: traut euren Kindern etwas zu. Lasst sie scheitern und erfolgreich sein, lasst sie kommunizieren, bindet sie in Rituale mit ein! Seid authentisch, lasst die Kinder auch eure Fehler sehen und findet gemeinsam gute Wege, wie alle lernen können! Wenn ihr diesen Grundstein legt, dann erleben LAA was „guter Unterricht“ sein kann und können eine konstruktivistische, zutrauende Haltung von euch übernehmen.

Viel Erfolg und Spaß dabei!

Katha