Seminarblog: Kooperative Lernformen

Guter Unterricht, egal in welchem Fach, findet in wechselnden Sozialformen statt. Einzelarbeit (EA), Frontalunterricht und/oder Direkte Instruktion haben dabei ihre Berechtigung, dürfen aber nicht die alleinige Unterrichtsform sein. Viele (alle?) Lehrkräfte setzen auch kooperative Sozialformen in ihrem Unterricht ein. Nicht immer sind dabei jedoch wirklich kooperative Lernformen (kL) im Einsatz, denn deren Definition geht weiter. Heute nehme ich euch deshalb ein bisschen mit in unser aktuelles Seminarthema.

Norm und Kathy Green haben in Deutschland das Thema „Kooperatives Lernen“ bekannt gemacht. Ihre Publikationen sind ebenso lesenswert wie z.B. diese beiden Bücher, die Schritte zum kooperativen Lernen aufzeigen und konkret für die Grundschule geeignete Methoden vorstellen. Ein paar Links habe ich ganz unten auch noch für euch gesammelt.

Was man bedenken muss: Partnerarbeit (PA) oder Gruppenarbeit (GA) sind nicht automatisch kooperative Lernformen, sondern grundätzlich erst einmal Sozialformen und somit auf der Ebene der Sichtstrukturen* anzusiedeln. kL gehen weiter und basieren auf fünf Merkmalen:
1. Positive Abhängigkeit – jedes Kind muss einen Beitrag leisten, damit die Gruppe erfolgreich sein kann; dafür kann es auch verschiedene Rollen geben.
2. Unterstützende Interaktion – in Form einer klaren Aufgabe als Grundlage, Unterstützung durch die Lehrkraft und unter den Schüler:innen.
3. Individuelle Verantwortlichkeit und Verantwortlichkeit für die Gruppe – Schüler:innen lehren quasi Schüler:innen, die Lehrkraft beobachtet sie dabei; nur möglich in kleinen Gruppen.
4. Angemessene Kommunikation / Soziales Miteinander – damit die Schüler:innen gut miteinander arbeiten und kommunizieren können, müssen sie koopeartiv arbeiten und dies immer wieder üben; Stichwort: positive Fehlerkultur.
5. Bewerten in Gruppen / Reflexion des Arbeitsprozesses – dies geschieht durch Reflexion innerhalb der Gruppe sowie durch Feedback der Lehrkraft.

Dazu kommen zwei Prinzipien: Erstens die sog. Sichere Lernumgebung. Es leuchtet ein, dass Kinder sich nur in eine Abhängigkeit von ihrer Gruppe begeben können und sich intensiv engagieren, wenn sie keine Bloßstellungen, Repressalien oder sonstiges befürchten müssen. Auch die Zusammenarbeit mit allen anderen Kindern, die der Einsatz von kL zwangsläufig mit sich bringt, setzt eine gute Beziehung unter den Kindern und zur Lehrkraft voraus. Hier sind wir dann auf der Beziehungsebene – da wird erkennbar, warum wir bei kL auch von Tiefenstrukturen* sprechen.
Zweitens das methodische Grundprinzip think-pair-share, neudeutsch und kinderfreundlicher auch ich-du-wir-Prinzip genannt. Es besagt ganz einfach, dass zuerst selbst und allein nachgedacht wird (ICH), um die eigenen Gedanken zu sortieren und genügend Zeit zum Eindenken zu haben. Erst danach, wenn beide/alle Kinder mindestens eine Idee oder Lösung gefunden haben, geht es in den Austausch (DU), z. B. im Lerntempoduett in Form einer Haltestelle. Zuletzt wird dann präsentiert, sortiert, gemeinsam geschlussfolgert und reflektiert (WIR). Entfällt die erste Phase, sind langsamer denkende Kinder schon früh im Lernprozess abgehängt und können nicht von der kL profitieren.

Meine Zusammenfassung der Prinzipien und einiger für mich in der GS sinnvoll nutzbarer kL sieht so aus:

Die unten in der Grafik gesammelten Methoden sind unterschiedlich komplex und reichen von der Partnerfindung (Verabredungskalender) über Ideensammlung (Placemat, Mindmapping) bis hin zu Präsentation und Dokumentation (Gallery Walk, Graphic Organizer). Alle habe ich mehr oder minder intensiv mit Grundschulkindern ausprobiert und manche sind in den Alltag übergegangen (Haltestelle, Rollenkarten, dig. Pinnwand, Murmelphasen).
Wie immer bei der Einführung neuen Methoden gilt:
– Schau, welche Methode zum geplanten Ziel passt!
– Neue Methoden an weniger wichtigem Inhalt ausprobieren, wichtige Inhalte mitbekannten Methoden erarbeiten!
– Gib nicht auf! Es wird garantiert Rückschläge geben, die aber meist tolle Lernchancen beinhalten!

Wer sich nochmal grundlegend einlesen möchte, der findet bei der ZUM eine gute Basis: „Kooperatives Lernen“ (ZUM Deutsch lernen)
Verschiedene Methoden für verschiedene Zwecke wurden hier gesammelt: „Welches Arrangement nutze ich wann?“ (Green-Institut)
Ein spannendes Interview könnt ihr hier lesen: „Wie kann kooperatives Lernen gelingen?“ (Deutsches Schulportal)
Meine Hörempfehlung ist die Episode „Kooperatives Lernen“ aus dem Podcast Psychologie fürs Klassenzimmer von benedikt Wisniewski.

Mit diesen Empfehlungen schließe ich meinen heutigen Versuch eines Überblicks und kann nur jede:n von euch ermutigen, sich wieder (mehr) an kooperative Lernformen heranzuwagen. Die Kinder können das, wenn man sie gut hinleitet und dran bleibt!
Katha

* Zu Sicht- und Tiefenstrukturen empfehle ich gern dieses Video von Michael Mittag.

Warum heute noch Lehrkraft werden?

Mein Beitrag zur #EduBlogparade (angeregt u.a. von Susanne Posselt) und passend zum Weltlehrkräftetag am 05. Oktober greift heute ganz subjektiv o.g. Frage auf.

Lehrkräfte haben vormittags recht und nachmittags frei, verdienen 5000€ netto, unterrichten 30 Jahre lang, was sie einmal vorbereitet haben und hassen Kinder (und Eltern). Viele Klischees sind über unseren Beruf im Umlauf, den jeder ja mal als Schulkind erleben oder erleiden musste und deshalb natürlich gut kennt. Selbst in seriöseren Medienberichten liest man 2024 nicht unbedingt die positiven Seiten des Lehrkraftseins: immer mehr und immer heterogene Schüler:innen in den Klassen, immer weniger wirklich ausgebildete Erwachsene unterrichten sie. Immer mehr Aufgaben werden der Schule zugeschrieben, teils, weil sie im Elternhaus nicht (mehr) übernommen werden. Warum sollte nun also noch irgendjemand beschließen, eine Karriere als Lehrkraft anzugehen?

Kurz gesagt: Weil Lehrer:in der coolste Beruf der Welt ist!

Etwas ausführlicher und natürlich total subjektiv und nicht validiert kommt hier eine unsortierte Liste meiner guten Gründe:

  • Jeder Tag ist anders. Es wird nicht langweilig! Die Kinder reagieren jedes Mal anders und bringen so viel Abwechselung in den Alltag. Von Tag zu Tag, manchmal von Stunde zu Stunde erlebst du Liebe, Streit, Freude, Stress, Freundschaft, Ärger, Witze, Wut, Versöhnung, Erfolg, und noch viel mehr.
  • Setze deine Individualität ein: du prägst deine Klassen, du kannst dich in der Schule mit deinem Talent einbringen. Lies die Bücher mit den Kindern, die auch dir gefallen und geh im Sachunterricht auf Themen, in denen du dich wohl fühlst – das macht viel mit deinem Unterricht und solche Freiheiten bieten die Lehrpläne und Vorgaben!
  • Du bleibst beweglich. Körperlich allein schon dadurch, dass du (zumindest an der GS) nur selten zum Hinsetzen kommst. Und geistig, weil du einfach immer wissen musst, was bei Zehnjährigen grad so abgeht und wie zeitgemäß dein Unterricht eigentlich ist. Dabei bleibst du definitiv jung!
  • FLEXIBILITÄT. Du erarbeitest dir Skills, die du sowohl beruflich wie privat nutzen kannst, weil du immer wieder mit wenig Zeit und wenigen bis keinen Mitteln was Cooles hinkriegen musst.
  • Die Kinder wachsen zu sehen ist unfassbar toll. Viertklässler zu verabschieden, die man als I-Dötzchen kennengelernt hat, treibt selbst mir immer wieder Tränen in die Augen. Die anstrengendsten ersten ein bis zwei Jahre werden etwas verdrängt, wenn man dann ab Klasse 2/3 die Früchte erntet, also die Kinder plötzlich methodisch sicher werden, Rituale beherrschen und immer selbstständiger werden.
  • Offene Augen und ein geweiteter Horizont: ich war mit meinen Klassen an Orten, die ich sicher sonst nicht besucht hätte (Stadtarchiv, Maleratelier, Theateraufführungen, …) und die mich immer wieder beeindruckt und bereichert haben.
  • Unterrichten macht (meistens) Spaß. Es ist immer wieder toll zu sehen, wenn meine mühsam erdachten Aufgaben angenommen werden, Begeisterung bei den Kinder auslösen oder Aha-Momente möglich machen. Gemeinsam über Witze lachen, sich mit den Kids zum Affen machen, süß-naive Fragen ohne Lachflash beantworten, „du bist die beste Lehrerin“ hören – diese Momente hebe ich im Herzen auf und sie tragen mich auch durch schlechtere Tage.
  • Ganz nüchtern betrachtet: die finanzielle Sicherheit und die Betreuung eigener Kinder in Ferienzeiten sind nicht außer Acht zu lassen und haben uns während der partiellen Schulschließungen als Familie echt gerettet. Ein Auto oder gar ein Haus zu finanzieren sind als Teil des ÖD eben schon deutlich einfacher. Und ja, ich kann nicht mal eben so ein paar Tage weg – dafür kenne ich aber meine freien Tage für die nächsten Jahre im Voraus.

Ich liebe meinen Beruf, wollte ihn schon früh und würde ihn jederzeit wieder ergreifen. Nun bin ich ja schon ein paar Jährchen im Seminarbetrieb und liebe auch das, vielleicht sogar noch etwas mehr. Aber auch nur, weil ich selbst mit wenig eigenem Unterricht fast täglich in Grundschulklassen sein darf und tollen Kindern beim Lernen und tollen LAA beim Lehren, Wachsen, Lernen zusehen darf.

Natürlich darf man den Beruf und seine Anforderungen nicht romantisieren, deshalb hier ein paar Kriterien, die eher nicht für eine Karriere als Lehrkraft sprechen:

  • Du wirst nicht gern angesprochen (im Minutentakt).
  • Du magst Menschen, speziell Kinder, nicht sonderlich.
  • Du brauchst regelmäßige Arbeitszeiten.
  • Du lässt dir nicht gern Vorschriften machen, strebst nach Autonomie.
  • Du möchtest nach Dienstschlussnichts mit der Arbeit zu tun haben (und mit Menschen von der Arbeit).
  • Du magst Digitales absolut nicht.
  • Du fühlst dich von Neuerungen leicht überfordert.
  • Du möchtest flexibel Urlaub nehmen können, z. B. für ein langes Wochenende mit Freunden.
  • Du möchtest „Karriere machen“. Das ist ziemlich eingeschränkt, solange du im „operativen Geschäft“, also dem Unterricht, bleiben willst.

Ihr habt bestimmt noch andere, gute Gründe, Lehrkraft geworden zu sein und/oder zu bleiben. ich würde mich gerade hier mal wieder über Kommentare freuen!

Katha

Wie komme ich zurück zum Thema?

Wer kennt es nicht: seit mehreren Stunden arbeitet man mit der Klasse am gleichen Thema, aber am nächsten Tag oder gar nach einem Wochenende fällt es schwer, alle wieder gedanklich dorthin zurück zu holen. Im Fachseminar geht es uns gerade so, da wir an eine Sitzung aus dem Juni einen Anschluss finden müssen. In der Schule sind Abstände zum Glück ja deutlich kürzer, aber dennoch stellt das Anknüpfen an zuvor Erarbeitetes viele (angehende) Lehrkräfte und auch Schüler:innen vor Herausforderungen.

Heute sammle ich deshalb hier ein paar Gedanken zum Thema „kognitive Aktivierung“ generell und ganz konkret zu der Frage, wie man an Vorstunden anknüpfen kann, wenn man mit einem Bilderbuch arbeitet. Sicher lassen sich diese Überlegungen auch auf viele andere Unterrichtsszenarien übertragen.

Vorab eine kurze Reflexionsfrage:
Was ist der Unterschied zwischen den Fragen „Was haben wir gestern gemacht?“ und „Was haben wir gestern gelernt?“ ?

Wie bzw. womit könnten die Kinder darauf antworten?

* kurze Nachdenkzeit *

Ok, weiter!

Die Frage „Was haben wir GEMACHT?“ führt häufig dazu, dass die Kinder auf der Handlungsebene wiederholen, was in der Vorstunde getan wurde: wir haben ein Arbeitsblatt bearbeitet, du hast was vorgelesen, wir sollten so was schreiben – das sind typische Antworten von Kindern auf diese Frage. Eine Inhaltliche, emotionale oder lernprozessorientierte Anbindung erfolgt dadurch i. d. R. nicht.
Anders ist das bei Fragen, die auf das zuvor Gelernte, auf Herausgefundenes oder auf besonders wichtige/spannende/interesante/überraschende… Inhalte der Vorstunde zielen. Hier werden die Kinder wirklich zum Nachdenken aktiviert. Bestenfalls gibt es unterstützend dazu Notizen, Aushänge oder Visualisierungen des Lernzuwachses der Vorstunde. Das kann ein Merksatz ebenso sein wie eine Stichwortsammlung oder ein Bild.

Im Seminar haben wir mit dem Klassiker „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ von Martin Baltscheit (Verlag Beltz) gearbeitet, um exemplarisch die Idee eines ganzheitlichen, integrativen Deutschunterrichts zu verstehen. Nun wollen wir am selben Beispiel den Fokus auf die kognitive Aktivierung legen, eine der drei Tiefenstrukturen von Unterricht. Vor allem wollen wir dem Mythos entgegenwirken, dass eine bloße Beteiligung der Kinder bereits eine kognitive Akitiverung darstellt. In der Vorbereitung bin ich auf eine Seite des IQES gestoßen, die dieses Thema sehr gut greifbar macht und die an sich nicht beobachtbare Tiefenstruktur durch Indikatoren beobachtbar macht. Dort wird k. A. definiert als „vertiefte Beschäftigung mit einem Lerngegenstand, die aus Neugier und echtem Interesse entspringt.“ Hier wird z. B. schon deutlich, dass der Einsatz eines Helferkindes, das vorbereitete Fragen und/oder vorbereitete Stundenthemen etc. vorliest, diesem Anspruch nicht genügt.

Um nun in einer imaginären Folgestunde wieder „zurück zu unserem Bilderbuch“ zu kommen, haben wir verschiedene Aktivitäten vorbereitet, die unsere LAA ausprobieren und reflektieren dürfen (s. Datei unten). Dabei stellt man auch fest, dass unterschiedliche Ansätze für unterschiedliche Stundenschwerpunkte mehr oder eben weniger geeignet sind. Wer mit Kinder das Nach- oder Weitererzählen angeht, ist mit einem Stundeneinstieg mit rotem Faden gut beraten. Wenn der Schwerpunkt das Verfassen von Briefen der Tiere an den Löwen geht, wäre ein roter Faden wenig hilfreich, umso mehr aber das Zuordnen von Tieren und Aussagen oder der Perspektivwechsel. Das Spiel mit Stabpuppen kann dialogisches Sprechen (oder Schreiben) gut vorbereiten, genauso wie es auch das Einnehmen einer anderen Perspektive spielerisch unterstützt. Die weiteren Ideen kannst du dir hier ansehen, für dein aktuelles Unterrichtsvorhaben anpassen oder übernehmen:

Alle gesammelten Ideen sind praxiserprobt und führen definitiv zu einer deutlich höheren Aktivierung der Lernenden als die Frage „Was haben wir gemacht?“. Sie holen, auf das Bilderbuch bezogen, die Kinder wieder emotional in die Geschichte hinein, füllen durch den Austausch in der Klasse Erinnerungslücken Einzelner und haben das Potenzial zur vertieften Auseinandersetzung mit den Charakteren oder der Handlung. Manche haben auch einen Hauch von handlungs- und produktionsorientiertem Literaturunterricht. Außerdem werden sie im Sinne von Horst Bartnitzkys Bedeutsamkeit der Inhalte, Situationsbezug und Sozialbezug wichtige Grundbedingungen guten Sprachunterrichts erfüllt. Nicht zuletzt stärken die hier vorgestellten Einstiege die Freude am Umgang mit Literatur durch auch emotionalere Zugänge.

Wenn du noch eine weitere bewährte Idee hast, schreib sie mir gern per Mail (s. Impressum), via Twitter oder Bluesky (@MowitzKa)!
Katha

Waldweg-Metapher

Des Jünsten Schulweg führt uns, wenn wir wollen, durch den Wald. Sehr idyllisch, ruhig, spannend, lehrreich … Seit Jahren begleite ich dort entlang meine Jungs und seit Jahren fällt immer mal wieder ein Baum um (ach was!) und blockiert unseren üblichen Weg. In den ersten Tagen sieht man dann meist, wie Menschen über den Stamm klettern, um auf ihrer Route zu bleiben. Das kann sehr lustig aussehen, wenn sie noch Hunde dabei haben oder einen Regenschirm balancieren.
Dann entstehen Umwege, Trampfelpfade. Er führt auch zum Ziel, auch wenn man das vorher gar nicht gedacht hätte. Man lernt neue Ecken des Waldes kennen. Und: er wird breiter. Aus einem schmalen Trampelpfad wird innerhalb von Wochen ein komfortabel zu einem neuen Waldweg. Auf meinem Foto kann man ganz gut sehen, wie es bei uns gerade im Wald ausschaut: ein richtiges Wegenetz ist entstanden und verbreitert sich durch die tägliche Nutzung von Schulwegkindern, Hunden mit Begleitung und Spaziergänger:innen.

Wieso ich das hier schreibe, wo es doch so banal ist? Ich möchte das mal mit Schule vergleichen!

In der Schule (ihr kennt meine Perspektive: Grundschulen) fällt uns regelmäßig ein metaphorischer Baum auf den metaphorischen Weg: neue Aufgaben, sich verändernde Bedingungen, neue Klassen, neue Schüler:innen, um es mal von groß nach klein grob einzuordnen. In meinen knapp zwanzig Jahren im Beruf waren solche größeren „Bäume“ z. B. die Einführung von Englisch in der GS (upps, keine ausgebildeten Lehrkräfte!), die kaum unterstützte Umsetzung der Inklusion und Integration, die Schulschließungen 2020 und 2021, die immer anspruchsvoller und heterogener werdende Schülerschaft, Elternansprüche, die Digitalisierung, das Fehlen von Kolleginnen und Kollegen.
Es gibt aber auch die vermeintlich kleinen „Bäume“ wie dieses eine Kind, zu dem du den Zugang nicht findest, oder die Teampartnerin, mit der du nicht zusammenarbeiten kannst, oder dass du trotz Widerspruch abageordnet wirst. Alle diese „Bäume“ führen dazu, dass du deinen geplanten Weg nicht weiter gehen kannst – vielleicht sogar nie wieder. Wenn niemand den Baum zersägt und wegräumt, bleibt er da noch ein paar Jahrzehnte liegen und verhindert dein Durchkommen. Und das ist sicher bei den zuerst genannten größeren Themen der Fall und unterscheidet sie von der individuellen, persönlicheren zweiten Gruppe.

Inklusion, Digitalität und Heterogenität „gehen nicht weg“.

Wir haben aber, im Sinne der Waldweg-Metapher, zwei Möglichkeiten, damit umzugehen:
1) Augen zu und durch: Wir schimpfen jeden Tag darüber, dass da ein Baum liegt und kraxeln über den Stamm oder sogar durch die Äste der Baumkrone, um unseren ursprünglichen Pfad nicht zu verlassen. Auf die Schule bezogen heißt das zum Beispiel, weiterhin wie 1994 gleichen Unterricht für alle zu machen und Kinder mit besonderem Förderbedarf in Fördergruppen abzuschieben. Ergebnis davon ist ein erhöhtes Frustrationslevel bei den Lehrkräften und sicher viel verpasstest Potenzial bei den Kindern.
2) Der Umweg: Wir suchen uns einen neuen Trampelpfad , der erstmal wie ein Umweg erscheint (und es vielleicht auch ist – mindestens 50m müssen wir morgens jetzt mehr laufen!) – aber er führt auch zum Ziel. Zuerst ist er etwas anstrengend, weil schmal und voller Kraut, und wir haben noch keinen wirklichen Überblick, wo der Weg entlang läuft und wo genau er uns hinführt. Trotzdem gehen wir ihn jetzt täglich, so dass er breiter wird, das Unkraut langsam verschwindet und wir erlangen Wegekenntnis. Für die Schule heißt das, neue Methoden auszuprobieren, zu öffnen, Differenzierung und Förderung offensiv und stärkenorientiert anzugehen, Teams zu bilden, sich auszutauschen und auch mal auszukotzen, wenn es nicht läuft, sich auf neue Ideen, Zugänge und Materialien einzulassen, auch wenn man noch nicht weiß, ob diese nachher wirklich bessere Arbeit ermöglichen. Es heißt, kurz gefasst, mutig zu sein und anzupacken. Auch die vermeintlich schwierigen Kinder können nämlich eine ganze Menge, wenn man sie denn mal lässt und nicht nur zu stupiden Arbeitsblatt-Sachbearbeitern erzieht. Unweigerlich öffnet solch eine mutige Offenheit den eigenen Horizont. Wir schauen uns nach Anregungen um, finden Gleichgesinnte und können uns somit auch gegenseitig die Arbeit erleichtern – wir gehen den neuen Waldweg gemeinsam, erweitern ihn und nehmen bestenfalls Kolleg:innen mit, um ihn auch kennenzulernen.

Ihr merkt schon, ich bin heut etwas philosophisch angehaucht und lande irgendwie auch immer wieder beim Thema Zusammenarbeit. Dasliegt einfach daran, dass ich ohne gemeinsam begangene Trampelpfade nicht mehr arbeiten möchte.

Katha

Wider das Einzelkämpfertum

Wer hier schon länger mitliest, weiß von meinem Hang, lieber gemeinsam zu planen, zu denken und zu entwickeln als allein. Mein im #twlz gelerntes, aber schon vorher lange gelebtes Motto „Sharing is caring“ wird ja u.a. in der bloßen Existenz dieses Blogs deutlich.

Momentan arbeite ich maßgeblich in zwei Teams: mit meinen Kolleginnen im Fachseminar und denen im Kernseminar. Und gerade jetzt, wo die Ferien sich ihrem Ende zuneigen, finden wieder vermehrt Planungstreffen statt. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich wirklich tolle Teampartnerinnen habe, mit denen ich mich auch menschlich gut verstehe.* Dadurch trauen sich alle in der Runde, ihre bewährten oder auch neuen Ideen einzubringen, genauso wie es selbstverständlich ist, diese Vorschläge auch mal nicht anzunehmen. Und es ist auch ok, einen Inhalt gut zu finden, aber methodisch anders umzusetzen oder ein eigenes bevorzugtes Layout drüberzuziehen. So stellen wir gemeinsam inhaltliche und/oder methodische Gerüste auf, füllen diese mit geteilter Literatur und Material und machen dann in der Regel nochmal individuell die Anpassung an die eigene Lerngruppe, also die abschließende Gestaltung der Seminare.**

Seit ich im Schuldienst bin, war diese Art zu arbeiten für mich immer selbstverständlich. Egal ob im Referendariat, wo ich mit anderen LAA Ideen besprach, oder als Lehrerin, wo die Jahrgangsteamstunde mein wöchentlicher Fixpunkt war. Auch jetzt als Seminarausbilderin kann ich mir gar nicht vorstellen, eine eigene Suppe zu kochen und niemanden davon probieren zu lassen. Umso unverständlicher ist es für mich persönlich, dass immer noch so viel hinter geschlossenen Türen unterrichtet und vor allem auch vorbereitet wird.

Ja, wir bekommen in der Regel weder Raum in der Schule für die gemeinsame Planung noch irgendeine Entlastung in Form von Deputatsstunden. Aber das kann doch nicht das Argument gegen eine Zusammenarbeit im Kollegium sein! Die Stunde(n), die ich mit einer Kollegin gemeinsam beim Planen einsetze, spare ich mir doch daheim, weil vieles bereits fertig oder zumindest angedacht ist. Mal bereite ich etwas mehr vor und gebe es weiter, anderntags profitiere ich dafür von dem, was andere für mich mit vorbereitet haben. Niemand braucht mir zu erklären, dass es effektiver ist, wenn drei Klassenleitungen in einem Jahrgang einen eigenen Elternbrief für den gemeinsamen Ausflug schreiben oder drei Mathelehrerinnen für ihre parallelen Klassen Aufgaben und Material zusammensuchen!

Diese Grafik soll dazu ermuntern, sich bereits im Vorbereitungsdienst zu vernetzen.

Auch viele LAA kommen mit der Haltung in den Vorbereitungsdienst / das Referendariat, dass „sie es allein schaffen müssen“, um ihre Eignung unter Beweis zu stellen. Wenn diese dann an ihrer Ausbildungsschule auch keine oder wenig Zusammenarbeit erleben, ist es schwer, sie eben dazu zu ermuntern. Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich in einer Woche zwei UB mit dem gleichen Thema gesehen habe und die LAA wussten das voneinander gar nicht! 🙄

Mein Kern- und Fachseminar haben deshalb von mir obige Grafik bekommen in der Hoffnung, dass sie sich untereinander vernetzen – nach fachlichen oder persönlichen Interessen. Ich habe sehr klar gemacht, dass gemeinsames Planen im Ref nicht sträflich ist und sie sich gern gemeinsam Reihen und Stunden überlegen dürfen. Natürlich muss in einem UB die eigene Leistung erkennbar sein (also muss z. B. die Stunde zur eigenen Klasse auch passen) – aber wie viel cooler ist es denn, die Reihe mit einer Kollegin geplant zu haben, als sie z. B. bei eduki zu kaufen und für sich anzupassen? Im Gespräch kommt doch viel mehr rum, weil man neben Ideen auch Bedenken und Erfahrungen teilen kann. Mir geht es häufig so, dass ich eine grobe Vorplanung für ein Seminar mache und während ich diese meinen Kolleginnen vorstelle merke, wo die Schwachstellen sind – was mir allein sicher nicht so auffallen würde.

Also, wenn du das hier grad liest und dich darüber ärgerst, dass du die letzte Einheit doch wieder ganz allein vorbereitet hast: such dir erstmal einen Menschen, mit dem du die nächste gemeinsam angehen könntest. Einen kleinen Schritt schaffst du bestimmt! Sei mutig und hab Spaß!

Katha

* Bevor du jetzt einwirfst, dass du keine „netten“ Kolleg:innen hast: ich weiß, man kann diesen Aspekt nicht voraussetzen! Er ist zwar angenehm, aber für eine effektive Zusammenarbeit auch gar nicht nötig (es gibt Studien, die feststellen, dass zu homogene Teams nicht so kreativ und entwickelnd arbeiten wie heterogene).

** Eine gemeinsame digitale Plattform wie unser LogineoLMS (Moodle) hilft dabei natürlich auch ungemein: Eine:r legt dort Material, Aufgaben, Links, … ab und alle können darauf zugreifen.

Sommerferien-Gruß 2024

Die Halbzeit der Sommerferien ist fast erreicht, der Urlaub liegt hinter mir. Schade, aber auch schön irgendwie. Zum Glück hatte ich viel Zeit zum Lesen* und fühle mich absolut einsatzbereit. Das obige Bild ist zwar fotografisch nicht so wertvoll, aber einen kompletten Regenbogen zu sehen, war schon beeindruckend und sicher ein gutes Zeichen für das anstehende Schuljahr!

So kommt es, dass ich zwar noch nichts Berufliches im engeren Sinne erledige, aber schon erste Arbeiten bzw. Vorbereitungen für nebenberufliche Projekte schaffe. Unter anderem gilt es, zwei Workshops für die „molol“ (die Tagung mobile.schule in Hannover Anfang September) vorzubereiten, auf die ich mich sehr freue – also auf die Tagung!

Die nächsten beiden Wochen stehen jetzt im Zeichen von kleineren Ausflügen mit Freundinnen und Verwandten und ein paar gesundheitlichen Terminen, die sich ja besonders gut in den Ferien machen…

Euch allen, die ihr gerade entweder im Endspurt oder frisch gestartet oder irgendwas dazwischen seid, wünsche ich erholsame und gute Ferien (mit oder trotz der Familie)!

Katha

* Da ich neuerdings neben Fiktionalem auch verstärkt Sachbücher lese (werde wohl alt), empfehle ich euch von Herzen „Die ersten ihrer Art“ von Heike Specht.

Rezension: „Gut mit andern auskommen“

Titel: „Gut mit anderen auskommen. 50 unterhaltsame Übungen, um soziale Kompetenzen zu erlernen und Freunde zu finden“
Verlag: Yes (hier klicken)
Autorin: Natasha Daniels
Illustrationen: Sarah Rebar
ISBN: 978-3-96905-294-5

Zum Inhalt:
50 Übungen, um soziale Kompetenzen zu erlernen verspricht das Buch schon auf dem Titel. Dementsprechend gibt es wenig Fließtext und viele sehr konkrete Anleitungen zu Reflexion und Übung. Ausgehend von der Frage, was „soziale Superkräfte“ sind (nämlich sehen, hören und fühlen), geht es um das Beginnen, Führen und Beenden von Gesprächen. Freundschaften und einige Aspekte dessen, was man gemeinhin als Benehmen bezeichnet. In insgesamt sieben Kapiteln gibt es immer zuerst einen Überblick über die Bedeutung und Ziele des jeweiligen Aspekts von Sozialkompetenz, dann Übungen mit Reflexionsgelegenheit und zuletzt eine kurze Zusammenfassung, was erreicht wurde. Klare Handlungsaufträge spielen hier mit knappen Erklärungen so zusammen, dass das Kind ganz konkrete Ideen von geeignetem Verhalten bekommt oder Handlungsmuster einüben kann. So geht es am Ende zum Beispiel mit möglichen Phrasen für Gespräche ins Leben oder mit einer Vorstellung von aktivem Zuhören.

Es gibt wenige Illustrationen in dem grundsätzlich mit farbigen Seitenrändern gestalteten Buch. Diese sind aber angenehm klar und dienen ausschließlich der Vertiefung der Inhalte.

Meine Meinung:
Ich war etwas skeptisch, ob das Buch „den Ton der Kinder trifft“, da ähnliche Ratgeber oder Programme mir oft zu niedlich-süß oder aber zu anspruchsvoll sind. Natasha Daniels hat meines Erachtens in den vorliegenden 50 Übungen eine klare, aber dennoch kindgerechte Ansprache mit viel Wertschätzung und Unterstützung gefunden. Außer dem kurzen Vorwort richtet sich das ganze Buch ausschließlich an das Kind und bezieht Rückmeldung durch Erwachsene nur an wenigen Stellen explizit ein.

Die Übungen sind mir größtenteils nicht neu, da ich als Lehrerin einige Programme und Hefte zur Förderung sozialer Kompetenzen kenne. mir gefällt aber der Aufbau sehr, der vom Einfachen zum Komplexen, von innen nach außen leitet. Wer mit seinem Kind daran arbeitet, hat ein gutes Werkzeug in der Hand und auch für die Arbeit mit Kleingruppen oder ganzen Klassen lassen sich einige der Übungen gut adaptieren.

Fazit: Natasha Daniels ist es mit dem vorliegenden Buch gut gelungen, das abstrakte Konstrukt der sozialen Kompetenzen aufzuschlüsseln und erlernbar zu machen.

Leseempfehlung:
Dieses Mal geht meine Empfehlung eher an die Eltern unter euch hier mitlesenden Lehrkräften, da die Ideen zwar als Inspiration auch für die eigene Klasse gut adaptiert werden können, aber es für diesen Zweck vielleicht direkt kopierbare Vorlagen bzw. Arbeitshefte gibt. Allen aber, die mit einem oder wenigen Kindern einen unterstützten Zugang zur Entwicklung der sozialen Kompetenzen suchen, kann ich „Mit andern klarkommen“ wärmstens empfehlen.

Daniels schreibt im Vorwort an die Eltern selbst, dass das Buch zwar grundsätzlich zum alleinigen Bearbeiten durch ein Kind konzipiert ist, die Begleitung durch Eltern aber denkbar. Meiner Meinung nach ist so eine Begleitung ziemlich wichtig, da wohl kaum ein Kind (freiwillig) diese 50 Übungen durchführt und aufschreibt.

Vielen Dank an den yes-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Beste Grüße,
Katha

Sprech-Spiel „Bleib Schwammig“ – KI im Einsatz

Vor Kurzem stieß ich in diesem interessanten Blogbeitrag von Joscha Falck auf eine Idee von Michaela Kühl: ein Spiel, bei dem die Lernenden eines von vier ähnlichen Bildern so beschreiben müssen, dass man möglichst lange nicht errät, um welches Bild es geht.

Ein Beispiel:

Ich sehe ein Haus.
Es hat ein Dach.
Am Haus wächst ein Baum.
Mehrere beleuchtete Fenster sind zu sehen.
Es gibt eine Eingangstür.
Ein Weg führt zur Eingangstür.
Das Haus hat zwei Stockwerke.
Es gibt ein Türmchen auf dem Dach.
Vor dem Haus sind Büsche zu sehen.

Bis hierhin kann man noch nicht erkennen, um welches Haus es geht. 😎

Es spielen zwei Kinder oder Gruppen gegeneinander und versuchen, möglichst viele Sätze zu schaffen, bevor das Bild erraten wird. Auch als Klassenspiel können die Bilder eingesetzt werden. Deshalb teile ich mit euch sowohl eine ausdruckbare Variante als auch die Bilder im digitalen Format fürs Board, die ihr hier herunterladen könnt.

Die Bilder habe ich mit ideogram.ai generiert, wo es in fast allen Fällen gut geklappt hat, direkt ein 4-in-1-Bild zu erhalten. Wer den Prompt nachvollziehen will: Hier kannst du schauen. Klappt das nicht (wie bei mir bei den Spielfeldern), dann generiere 4 Bilder durch Anpassen des Prompts und füge sie danach zu einem zusammen*.

Freuen würde ich mich über a) Rückmeldung zu euren Einsätzen des Spiels und b) Ideen für weitere Bilderkreationen.

Katha

* Mein eher unprofessioneller, aber hierfür funktionaler Weg ist: Alle Bilder in PowerPoint einfügen, auf gleiche Größe bringen, zusammen anordnen, dann alle markieren, Rechtsklick drauf und „als Bild speichern“.

Guter Deutschunterricht – was heißt das eigentlich?

– Untertitel: Ein Plädoyer gegen die „Verheftelung“ –

Mit dem neuen Fachseminar lag der Fokus zu Beginn der Ausbildung ganz klar auf den absoluten Grundlagen guten Deutschunterrichts und wie man solchen plant. Vor allem durch die unheimlich breite Aufstellung des Fachs ist dies gar nicht so einfach – man denke allein an die vier doch sehr unterschiedlichen Lehrplanbereiche Lesen, Schreiben, Sprechen/Zuhören und den Sprachgebrauch…
Für uns Fachleiterinnen stand in der Vorbereitung das Konzept des integrativen Deutschunterrichts im Fokus, ergänzt durch die Prinzipien guten Deutschunterrichts, die Horst Bartnitzky definiert hat.

Da wir uns nicht als reine Wissensvermittlerinnen betrachten, sondern die LAA beim Konstruieren Ihres Wissens unterstützen wollen, begannen wir deshalb nicht mit einem Vortrag darüber, was wir wichtig finden und warum, sondern mit der Frage, was die LAA für guten Deutschunterricht halten. Erfreulicherweise nannten Sie viele Merkmale, die sich im anschließenden Gespräch genau unseren vorbereiteten Modellen zuordnen ließen: die Kinder durch geeignete Inhalte und Themen motivieren, ihren Wortschatz weiter entwickeln, sie herausfordern und individuell unterstützen, Üben in Kontexten etc.

Das Konzept des integrativen Deutschunterrichts besagt, dass verschiedene Aspekte wie Lesen oder Rechtschreibung nicht isoliert geübt werden sollen, sondern dass eine Unterrichtseinheit einen thematischen Rahmen bietet, innerhalb dessen passende Texte gelesen werden, das Schreiben eine Rolle spielt und dafür auch Rechtschreibung relevant wird. Konkretisieren möchte ich das ansatzweise an einem Beispiel:
Das Sachunterrichtsthema „Ritter und Burgen“ wird auch im Fach Deutsch als Rahmen aufgenommen.
Lesen: Es kann eine thematisch passende Ganzschrift gelesen werden (z. B. Igraine Ohnefurcht) oder auch verstärkt mit Sachtexten gearbeitet werden, aus denen Informationen entnommen werden.
Schreiben: Eine Drachen-Ritterinnen-Prinzen-Fantasiegeschichte verfassen oder Tagebucheinträge, Briefe von Kindern aus dem Mittelalter. Rechtschreibung/Grammatik: Komposita lassen sich üben, ebenso Konjunktionen in Nebensätzen oder imperative, eine Widerholung der Wortarten etc.
Sprechen und Zuhören: Szenisches Spiel zur Ganzschrift, Minnegesänge vortragen o.ä.
Sprache und Sprachgebrauch untersuchen: Sprichwörter mit mittelalterlichem Ursprung verstehen lernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen alter und moderner Sprache erkennen.

Mein Beispiel macht hoffentlich deutlich, dass sich anhand eines Oberthemas alle Lehrplanbereiche integrativ üben lassen. Optimal ist es, einen Schwerpunkt zu haben, dem die anderen Bereiche dienen. Liegt der Schwerpunkt z. B. auf dem Schreiben, hat das Üben der korrekten Schreibung des thematischen Wortschatzes eine dienende Funktion, das Vorlesen der Texte und das Gespräch darüber in einer Schreibkonferenz ebenso.

Eine wunderbare Hand-in-Hand-Situation ergibt sich mit Horst Bartnitzkys fünf Prinzipien des Deutschunterrichts:

Diese Prinzipien sind nicht neu, sondern schon im Grundlagenwerk „Sprachunterricht heute“ zu finden, das erstmals 1987 erschien, zuletzt 2019 überarbeitet wurde und immer noch kaum etwas von seiner Aktualität eingebüßt hat. Wenn man sich mit diesen Prinzipien beschäftigt, merkt man schnell, dass die Tendenz zur „Verheftelung“ des Deutschunterrichts ein Irrweg ist. Die vermeintliche individuelle Förderung durch Lies-mal-Hefte, Rechtschreibhefte, Förderhefte, Forderhefte, Sternchenhefte, Heftehefte mag dazu führen, dass Kinder von für alle gleichen Übungen nicht überfordert werden, ABER: es gibt nur noch wenige Sprechanlässe, kaum gemeinsames Arbeiten, und in der Regel kein bedeutsames, Sinn stiftendes Oberthema in solch einem Unterricht. Fachlich gesprochen: Situations- und Sozialbezug fehlen häufig, eine Bedeutsamkeit der Inhalte ist nicht gegeben (außer ein Heft zu beenden, um das nächste zu bekommen) und Sprachbewusstheit wird sich ohne gemeinsames Kommunizieren über Sprache nicht einstellen.

Dabei ist es gar nicht so schwierig, im Sinne der fünf Prinzipien und integrativ Deutsch zu unterrichten. Material muss ich mir eh zusammensuchen, das zu meiner Lerngruppe passt. Das tue ich dann eben zu einem thematischen Schwerpunkt. Nehmen wir die neu eingeführte NRW-Lesezeit (3x wöchentlich 20 Minuten lesen – egal in welchem Fach): ich benötige Texte, die gelesen werden können. Diese Texte wähle ich dann eben u.a. danach aus, dass sie zum aktuellen thematischen Rahmen passen. Sonst kann man Leseflüssigkeit üben wie man will, ohne auch nur einen Funken Leselust zu wecken.

So, genug für heute. Wer sich noch in das Thema vertiefen möchte, dem seien neben „Sprachunterricht heute“ zwei aktuelle Artikel von Horst Bartnitzky ans Herz gelegt, die man hier (Inklusive Didaktik – haben wir längst!) und hier (Fächer oder Themen? Unterricht mehrperspektivisch und integrativ planen) findet.

Viel Spaß damit!
Katha

SeminarBlog: Mündlicher Sprachgebrauch / Erzählen

Ab und zu schaffe ich es, auch aus dem Seminaralltag zu berichten. Heute ist es mal wieder soweit und ich kann mit euch ein Angebot für unsere LAA teilen, an dem diese verschiedene digitale Herangehensweisen an den mündlichen Sprachgebrauch erproben konnten.

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Wie eine Werkstatt oder ein Stationenangebot hatten wir Fachleitungen acht Ideen auf einer TaskCards-Pinwand zusammengestellt: Kurzbeschreibung, Arbeitsauftrag, Beispiel und z.T. einen Link in diesen Blog, wenn ich dort Projekte schon vorgestellt hatte. In verschiedenen Räumen im Haus hatten wir dafür dann Tablets und teils Material verteilt (Stativ-Varianten bei StopMotion, Figuren für die Little People etc.). Die LAA konnten dann frei wählen, was sie ausprobieren wollten und luden ihre Ergebnisse dann hoch. Diese kann ich nicht mit euch teilen, aber eine Kopie der Pinwand stelle ich euch gern als Anregung zur Verfügung.

Grundgedanke des Ganzen war es, dass digitale Medien im Bereich des Mündlichen viele sehr leicht umzusetzende Möglichkeiten bieten, Kinder hörbar zu machen. Neben dem Vorteil, dass ich alle SuS hören kann (anders als im realen Klassenraum, wo ich zu wenig Zeit habe oder manche Kinder einfach wenig beitragen), bieten Audioaufnahmen einen tollen Schonraum: die Kinder können ausprobieren, Aufnahmen verwerfen und erneuern und müssen nicht „auf Knopfdruck abliefern“ bei einem mündlichen Beitrag oder Vortrag. Inklusiv ist mündliche Arbeit natürlich auch immer, einfach schon deshalb, weil ich keine der Hürden bedenken muss, die das Schreiben mit sich bringt (Motorik, Lernbehinderungen, LRS, …).

Ich ermutige gern und oft, mit der iPad-eigenen App „Sprachmemos“ anzufangen oder Audios auf einer TaskCard-Pinwand direkt aufzunehmen und dazu kleine Sprechanlässe wie Personenbeschreibungen als Rätsel oder kurze Geschichten zu nutzen. Größere Projekte wie mehrseitige Bücher im BookCreator oder Filmaufnahmen können danach angegangen werden, wenn die Kinder schon ein wenig Übung haben und besser wissen, worauf sie achten müssen.

Probiert es doch einfach mal aus! Und wenn ihr Lust habt, teilt eure Produkte oder auch gern weitere Ideen für den Unterricht auf der Pinwand mit uns!

Katha