SeminarBlog: Sprachsensibler Unterricht

Aktuell steht im Fachseminar das Thema „Sprachsensibler (Mathematik)Unterricht“ auf dem Plan. Ich versuche hier mal ein Fazit der Schwerpunkte zu teilen.

Theorien:
Meine Kolleginnen und ich stellen nach der Unterscheidung von Alltags-, Bildungs- und Fachsprache das WEGE-Konzept und die Idee des Scaffolding in den Mittelpunkt.

Josef Leisen widmet sich auf der Seite sprachsensiblerfachunterricht.de intensiv dem Thema und beschreibt hier, wie sich Alltagssprache und Bildungssprache unterscheiden und welche Abstufung die Fachsprache hierbei noch zeigt. Wo die Kinder sich in ihren alltäglichen Unterhaltungen auch ohne korrekten Wortschatz oder Grammatik verstehen, bedeutet die Teilnahme am Unterricht einen höheren sprachlichen Anspruch – es werden bestimmte Begriffe zum Verständnis benötigt wie z. B. markieren, Strategien etc. Außerdem orientiert sich Bildungssprache deutlich mehr an der Schriftsprache als an der Mündlichkeit. Fachsprache wiederum erfordert eine noch genauere Kenntnis von Fachbegriffen wie addieren oder Verb.

Das WEGE-Konzept wurde von Lilo Verboom begründet und wird hier bei Pikas gut beschrieben. WEGE steht für Wortspeicher – Einschleifübungen – Ganzheitliche Übungen – Eigenproduktionen und betont, dass ein verbindlicher gemeinsamer Wortschatz für ein Unterrichtsvorhaben festgelegt wird, der visualisiert und immer wieder geübt und genutzt wird. Wichtig ist uns hierbei, dass die LAA erleben und begreifen, warum ein Wortspeicher für viele Unterrichtsvorhaben wirklich wichtig ist und dass er keine „Modeerscheinung“ ist oder etwas, das „man eben für einen UB haben muss“!
Am Beispiel von Wahrscheinlichkeiten an einem Glücksrad haben wir gemeinsam festgestellt, dass sich die Suche nach Schlüsselvokabular lohnt und man dabei nicht nur Nomen haben sollte. Das Visualisieren von Verben und Adjektiven ist zwar etwas aufwändiger, erweitert aber den bildungs- und fachsprachlichen Wortschatz der Schüler:innen ungemein.

Vor allem aus dem Sprachunterricht ist vielen von euch sicher auch das Scaffolding bekannt. Hier geht es darum, dass man „die kommunikative Handlungsfähigkeit von Lernenden mithilfe von zeitlich begrenzten sprachlichen Hilfen erweitern soll.“ (Quelle: Mercator Institut) Solche Gerüste können Satzanfänge und andere chunks sein, also Satzfragmente, mit denen man eigenständig Sätze bilden kann. Diese Hilfen werden wie ein Gerüst aufgebaut (= angeboten) und nach und nach auch wieder abgebaut (= weggelassen, wenn die SuS sie nicht mehr benötigen).

Praxis:
Diese Theorien sind eine wichtige Grundlage für den Hinterkopf und finden in einem sehr praktischen Werkzeug ihren Niederschlag: ein sog. Sprachplanungsrahmen hilft mir als Lehrkraft, bei der Planung eines Unterrichtsvorhabens die Sprache besonders in den Blick zu nehmen. Er hilft, sich zu vergegenwärtigen, welche bildungs- und fachsprachlichen Begriffe eine zentrale Rolle spielen und somit besonders im Blick behalten werden müssen. Nach der Sammlung von Wortschatz (Wortebene) und Sprachstrukturen (Satzebene) kann man dann an den Abgleich mit den Lernvoraussetzungen der Schüler:innen gehen gehen und die methodische und didaktische Planung anpassen.
Wer mag, kann unseren Planungsrahmen gern verwenden, der sich an der Vorlage von Thomas Quehl und Ulrike Trapp orientiert:

Vielleicht nimmst du ja heute die Anregung mit, dem Thema Sprache im Unterricht wieder mal ein Augenmerk zu widmen – dann hätte ich ja schon etwas erreicht… 🙂

Katha

Digitale Doppelstunde: „Let’s go shopping“ – Sätze sprechen üben – digital arbeiten

Da ich zur Zeit ja nur wenige Stunden in der Schule bin, bekommt ihr hier in letzter Zeit eher kleine digitale Projekte zu lesen. EInerseits ist das etwas schade, andererseits vielleicht auch eine Chance, sich erstmal an Kleinigkeiten heranzuwagen statt direkt eine ganze UE mit digitalem Background zu planen…

Diese Woche hat mich eine Kollegin mit in ihre vierte Klasse genommen, die gerade das Thema „shopping“ angefangen hat. Da die Motivation, selbst zu sprechen, bei den Kindern nicht so hoch ist, habe ich eine Doppelstunde geplant, die genau das fördert: das neu erlernte Vokabular (shops) wurde in Sätzen mit bekanntem Wortschatz (pets, clothes, food, …) verknüpft.

Das Ziel:
Am Ende sollte ein Video stehen, in dem die Kinder zu einigen Läden Sätze nach dem Muster „You can buy ___ at the _____“ sprechen und dabei das passende Bild und der Satz zu sehen sind.

Die Vorbereitung:
Ich habe Bilder von Läden bei Canva herausgesucht, damit ich das Material auch mit euch teilen kann. Ihr könnt natürlich für den internen Gebrauch auch eure vorhandenen Bildkarten fotografieren und nutzen. Die Bilder habe ich dann in eine Bookcreator-Datei eingefügt und dort auf jede Seite einen Lückensatz ergänzt. Zuletzt habe ich die Buchvorlage im epub-Format per AirDrop an die Kindertablets verteilt.*

Die Durchführung:
Obwohl ich den Englischunterricht bevorzugt in English halte, mussten wir heute viel deutsch sprechen, um die Technik gut zu beherrschen. Also sind wir heute etwas zwischen den Sprachen gehüpft.
1. Kurzes Warmup und Wiederholung der gelernten Geschäfte.
2. Vorstellen des Ziels: Wir werden heute Erklärvideos zu den Geschäften aufnehmen.
3. Vorstellen der BookCreator-Vorlage via Beamer und gemeinsames Erarbeiten von Ausfüllen der Sätze und Aufzeichnen der Sprache. Hier war es schön, dass ein paar Kinder in der Förderung schon Erfahrungen mit dem BC hatten und so gut helfen konnten.
Für das korrekte Schreiben konnten die Kinder sich auf ihr treasure book beziehen, das sie seit der ersten Klasse führen und in dem fast alle nötigen Begriffe zu finden sind. Im Einzelfall habe ich buchstabierend geholfen. Der Einsatz von z. B. deepl.com hätte hier den Rahmen gesprengt, da noch keine Erfahrungen damit vorhanden waren.
4. Gemeinsames Sprechen von 2-3 Beispielsätzen im Echoverfahren. Ein paar mutige Kinder haben sich auch schon getraut, allein Sätze zu sagen.
5. Los geht’s! Wir haben Zweierteams gebildet, die dann mit Tablet, Pencil und einer Plastikkiste im Klassenraum, in Nebenräumen und auf den Fluren verteilt wurden, um die Akustik etwas zu entzerren. Wenn man das Tablet dann noch in die auf die Seite gelegte Box stellt, schirmt das zusätzlich ganz gut ab.
Hier ein paar Eindrücke:

6. Vom Buch zum Video
Damit das Ziel (Erklärvideo) erreicht wird, mussten wir aus den Büchern im BookCreator nun noch Videos machen und diese sichern. Das geht in der Bücher-Übersicht im BC sehr einfach, wie ihr hier sehen könnt: Exportieren als Video – Video sichern (Das Video ist englisch und zur alten Version von BC, zeigt aber die grundlegenden Schritte). Diese Schritte haben wir gemeinsam gemacht nach dem Motto „Ich mache vor, ihr macht nach“. Danach durften alle Partner*innengruppen ihre Ergebnisse nochmal ansehen und stolz auf sich sein.
Was ich leider nicht mehr geschafft habe, aber gern getan hätte, ist das Löschen der nicht bearbeiteten Seiten vor dem Export des Videos.

Differenzierung:
Die Aufgabe ist in sich differenziert, da sie in beliebiger Ausführlichkeit bearbeitet werden kann – es gab keine vorgegebene Mindestanzahl an Sätzen. Auch die Wahl, zu welchen shops man etwas sagt, war frei. Dazu hatte ich anfangs auch die Navigation über „Seiten“ gezeigt.
Mir war es außerdem wichtig, dass im Sinne der Differenzierung die Kinder entweder die Lücken handschriftlich mit einem Pencil ausfüllen (Plus – Stift) oder Wörter eintippen (Plus – Text) oder Emojis nutzen können (Plus – Stift). Gerade letztere Variante war für die Kinder mit einer Lernbehinderung sehr erleichternd, da sich sich aufs Sprechen konzentrieren konnten. Ihr seht ein Beispiel auf den Fotos.

Fazit:
Die Kinder waren begeistert und haben hochmotiviert nicht weniger als zehn der möglichen 15 Seiten gefüllt. Ich hatte auf sechs gehofft… Sie haben viel gesprochen und auch Aufnahmen gelöscht und verbessert, außerdem partnerschaftlich Gegenstände überlegt, geschrieben, dargstellt und nachgeschaut, die sie in die Lücken füllen konnten.
Die Kollegin war ebenfalls begeistert davon, mit wie wenig Aufwand man die Sprachmotivation erhöhen kann und vor allem, wie einfach der Videoexport war.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Nachmachen, Remixen und Teilen!
Katha

* Prinzipiell ist es auch sinnvoll, das Aktivieren von AirDrop und das Annehmen von Dateien mit den Kindern zu üben. Für meine beschränkte Zeit wäre das aber problematisch gewesen – das üben wir dann ein andermal…

Die Dorfreporter-AG 🌳 – Planungsphase

Für den Rest dieses Schuljahres darf ich an der Schule meines Sohnes eine AG anbieten – es wurden interessierte Eltern gesucht und da bin ich gern dabei!
So sind zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Schule hat eine AG mehr und somit kleinere Gruppen und ich kann ein bisschen „üben“ und Ideen ausprobieren, die ich momentan mit meinen wenigen Unterrichtsstunden nur schwer umsetzen kann. Nun also kann ich mit 8 Dritt- und Viertklässlern wöchentlich 2 Stunden lang das Dorf unsicher machen.

Meine Vorstellungen:
💚 Wir besuchen verschiedene Orte im Dorf rund um die Schule: Feuerwehr, Festplatz, Kirche, Sportplatz etc.
💚 Wir machen dort Fotos, drehen Videos, finden bestenfalls Interviewpartner.
💚 Die Kinder lernen verschiedene Präsentationsformen kennen und wie man Videos zusammenstellt & schneidet.
💚 Wir präsentieren AG-intern unsere medialen Produkte in einer Weltkarte-TaskCards-Pinwand.

Vorbereitung:
Neben der groben inhaltlichen Planung (s.o.) mussten natürlich organisatorische Absprachen mit der verantwortlichen Person in der Schule getroffen werden – Dauer, Daten, Raum, Unterstützungsbedarf. Ich darf das Schulgelände z.B. nur mit einem zweiten Erwachsenen verlassen, was ich bedenken muss.
Dann habe ich mich an die technische Planung gemacht und zwei TaskCards-Pinwände vorbereitet: eine in Spaltenform, auf der wir Ideen sammeln und Material speichern können. Hierauf haben nur die Kinder Zugriff, wenn wir in der Schule arbeiten. Die zweite ist eine Weltkarte, auf der wir überall dort Pins setzen, wo wir waren und darin die Ergebnisse hochladen. Hierauf haben die Kinder Schreib-Zugriff und die AG-Eltern bekommen Lesezugriff. Da wir beim Aufnehmen von Videos nicht immer nah am Tablet sein werden, habe ich außerdem ein kleines Mikrofonset angeschafft und bin erstaunt, was die zwei kleinen Dinger für unter 20€ so leisten.

Um das Einverständnis für die Verarbeitung der Daten (Stimme, Bild, Name) zu erhalten, habe ich einen Elternbrief vorbereitet. Die Vorlage, die ich mir situationsbedingt anpasse, stammt von datenschutz-schule.info. Da ich ja in diesem Fall als Mutter und nicht als Lehrerin tätig bin, ist es mir nochmal wichtiger, abgesichert zu sein. Die Seiten mit den Unterschriften kann ich mir für die Dauer des Projekts zur Seite legen.
Außerdem finde ich es wichtig, dass die Eltern wissen, was in der AG passiert und über den QR-Code auch sehen können, was ihre Kinder erarbeiten.
Wie ich eben so bin, habe ich mich dafür entschieden, ein „Branding“ für die AG zu kreieren und mit einem Logo zu arbeiten. Mit Hilfe der künstlichen Intelligenz von ideogram.ai habe ich mir verschiedene Logos generieren lassen und dabei ein wenig mit dem Prompten herumexperimentiert. Dies waren meine favorisierten Ergebnisse, aus denen ich die Kinder wählen lassen werde:

Zuletzt habe ich günstige Lanyards mit Namensschildanhängern gekauft, damit ich die Kinder unterwegs auch beim Namen nennen kann. Zugleich sind diese unsere „Reporterausweise„, wenn wir es wirklich schaffen, Menschen für Interviews zu gewinnen.

Nun steht dem AG-Start hoffentlich nichts mehr im Wege. Ich freue mich schon sehr auf dieses Projekt und bin gespannt, was wir in nächster Zeit gemeinsam schaffen – euch halte ich immer mal wieder auf dem Laufenden.

Katha

„Wenn Tiere sprechen könnten…“ – ein digitaler Schreib- und Sprechanlass

Für den zweiten Besuch einiger meiner LAA haben wir uns gemeinsam eine Stunde überlegt, die a) digitale Medien beinhalten, b) auch ohne WLAN und c) ebenso gut analog durchzuführen sein soll. Entstanden ist somit eine digitale Fingerübung, die einen kreativen Schreib- und Sprechanlass nutzt. Hier möchte ich sie kurz vorstellen und den 4 mitplanenden LAA für ihre Ideen danken.

Fachliche Bezüge:
Medienkompetenzen fördere ich immer an (wenn auch nicht grundlegend bedeutsamen) fachlichen Inhalten. In diesem Fall geht es um diese im Lehrplan (Grundschule Deutsch, NRW) benannten Kompetenzen: die Schüler:innen „sprechen funktionsangemessen, verwenden sprachliche und sprecherische Mittel gezielt; [sie] versetzen sich in eine Rolle und gestalten sie sprecherisch“.

Vorarbeit:
Da es darum gehen sollte, Dialoge zwischen zwei Tieren zu erfinden, habe ich zuerst bei der Bildersuchseite pixabay.com nach passenden Fotos gesucht und mir einige gespeichert. Um den Bezug der Kinder noch zu erhöhen, habe ich vorrangig Tierkinder gewählt, die in Interaktion mit einem Elternteil stehen.
Diese Bilder habe ich auf meinem Tablet in einem BookCreator-Buch gesammelt. In eine Kopie davon habe ich beispielhaft Sprech- und Denkblasen eingefügt und mit Texten versehen. Die Version nur mit den Fotos verteilte ich vor Stundenbeginn per Airdrop an die Schultablets, mit denen die Kinder arbeiten sollen. Im Alltag würde ich das Aktivieren des Airdrops und das Annehmen der Dateien mit den Kindern üben – für unsere begrenzte Zeit kürze ich somit ab.

Einstieg & Arbeitsphase:

Der Einstieg in die Stunde war eine kleine Aufwärmübung zum Verstellen der Stimme und betonten Sprechen (s. Bild). Mehrere Kinder durften probieren, wie sich ein Faultier faul anhört oder ein Tiger „tigerig“.
Im Anschluss habe ich das eigentliche Vorhaben „Dialoge“ vorgestellt, was ein paar inhaltliche und technische Erklärungen mit sich brachte. Wichtig war es, dass die Kinder wirklich einen Dialog verfassen und keine einzelnen Sätze, weshalb ich ein vorbereitetes Beispiel mit dem Pinguinbild zeigte*.
Nun mussten die Kinder also wissen, wie man das Buch öffnet, Sprechblasen einfügt und füllt sowie den Ablauf einer Audioaufnahme kennen. Letzteres geht erfahrungsgemäß sehr schnell, aber auch die anderen Funktionen sind leicht zu finden – gerade das macht ja den BC so vielseitig nutzbar… Meine Einführung war kurz und knackig, aber die Kinder waren dennoch beeindruckend handlungssicher. Einzig das Entfernen ungewollter Aufnahmen musste noch gezeigt und etwas bei feinmotorischen Problemen geholfen werden.

In der Arbeitsphase überlegten die Kinder in PA dann, welches Bild sie nutzen wollen und was die Tiere sagen könnten. Sie fügten Sprechblasen ein und tippten ihre Texte, wobei alle sechs anwesenden Lehrkräfte halfen, wo es nötig war. Im Anschluss nahmen sie ihre Sätze auf. Wer schnell war, durfte sich noch ein weiteres Bild aussuchen.

Abschlussreflexion / Präsentation:
Mehrere Partnergruppen durften am Ende ihre Dialoge vorspielen und bekamen dafür Feedback zur Leitfrage „Konntet ihr euch gut in den Dialog hinein versetzen?“.

Wer die Vorlage (inkl. Beispielen, die man ggf. löschen sollte) gern nutzen möchte, kann sie hier herunterladen. Beim Öffnen der Datei auf einem iPad sollte dann die Frage kommen, wo sie geöffnet werden soll. Dann wählt man BookCreator. Neuere Geräte öffnen teils zuerst in der Bücher-App – dann bitte über die Export-Funktion im BC öffnen.

Tierische Grüße
Katha

* In meinem Beispiel war dem kleinen Pinguin kalt. Es war sehr interessant zu beobachten, dass viele Kinder sich erstmal an dem Muster orientierten und ihre Tierkinder alle irgendwelche Bedürfnisse äußerten. Es wäre spannend zu sehen, inwiefern die Kinder sich in einer weiteren Stunde davon auch emanzipieren können…

Rezension: „Ach, wie gut, dass niemand weiß …“

IMG_9080Titel: „Ach, wie gut, dass niemand weiß… – Sprichwörtliche Redensarten aus dem Märchenreich“
Verlag: Duden (hier klicken)
Autor: Rolf-Bernhard Essig
Illustrationen: Natasa Kaiser
ISBN: 978-3-411-77090-8

Zum Inhalt:
„Ach, wie gut, dass niemand weiß…“ – so beginnen, wenn man Kinder fragt, alle Märchen. Eigentlich sind es aber nur etwa ein Viertel oder ein Drittel der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, die so oder so ähnlich anfangen, das habe ich von Rolf-Bernhard Essig gelernt🙂. Kapitelweise erklärt er die Hintergründe z. B. zu Reimen, Rollenklischees oder Tierischem in Märchen, die nicht nur die von den Grimms gesammelten beinhalten. Auf eine kurze Einleitung folgen jeweils konkrete Beispiele von Sprüchen und Sprichworten, deren Bedeutung, Herkunft und Entwicklung beschrieben werden.
In diesem Kapitel (s. Foto) werden wir neben der Feststellung, dass in Märchen häufig alte Stereotype lebendig bleiben, darüber informiert, dass es z. B. auch viele starke weibliche Rollen in Märchen gibt (Gretel, die Geißenmutter, …).

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Meine Meinung:
In guter Tradition des Namens „Duden“ fühlt sich dieses Buch wie ein solides Nachschlagewerk zu Märchensprüchen an. Am Ende des Buches gibt es deswegen auch ein hilfreiches Register, um auch gezielt zu Sprichworten zu gelangen. Sehr schön ist es, beim Lesen automatisch immer wieder in die vielen bekannten Texte abzuschweifen, aus denen die Begrifflichkeiten stammen.
Der angenehme, fast beiläufige Schreibstil ist alles andere als belehrend und erfreut das Leser:innenherz.

Leseempfehlung:
Alle Kolleg:innen, die eine Märchen-Einheit im Deutschunterricht planen, sei diese Fundgrube ans Herz gelegt. Sie dürfte helfen, auf mögliche Kinderfragen solide Antworten parat zu haben. Außerdem hat man direkt ein paar gute Formulierungsideen, die die Kinder beim Verfassen eigener Texte nutzen können.
Das vom selben Autor vorliegende Werk zu Sprichwörtern aus dem handwerklichen Bereich empfehle ich direkt mal mit.

Vielen Dank an den Duden-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Katha

Produktlink: https://shop.duden.de/Ach-wie-gut-dass-niemand-weiss-…/9783411770908

Rezension: „Zwischen den Welten: Filterblasenkinder verstehen und unterstützen“

IMG_9078Titel: „Zwischen den Welten: Filterblasenkinder verstehen und unterstützen“
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht (hier klicken)
Autorinnen: Sarah Pohl, Mirijam Wiedemann
ISBN: 978-3-525-45923-2

Zum Inhalt:
Die Autorinnen beleuchten die Unterschiedlichkeit des Aufwachsens von Kindern in (häufig religiös geprägten) Filterblasen. Sie grenzen Filterblasen von Sekten ab und führen viele Studien und Veröffentlichungen ins Feld, um eine möglichst hohe Begriffsklarheit zu erreichen. Ganz praktisch wird an viele anonymisierte Beispiele aus ihrem Beratungsalltag und Umfeld angeknüpft, um Vorteile (Geborgenheit, Zugehörigkeit, Wertekanon) und Nachteile (Abgrenzung, Misshandlung, Indoktrination) vom Aufwachsen in sehr engen Gruppen aufzuzeigen.

IMG_9079Verschiedene Checklisten und Merkmalsammlungen geben Lesenden konkrete Erkennens- und Handlungsmöglichkeiten an die Hand. Diese hier nicht vollständig abgebildete Checkliste kann sicherlich vielen Menschen bei einer ersten Reflexion helfen, ob beobachtete Etwicklungen bei einem (eigenen oder in der Schule betreuten) Kind/Jugendlichen bedenklich sind.

 

 

Meine Meinung:
Das Buch war für mich schnell gelesen, weil es an viele meiner individuellen Überzeugungen anknüpft und diese teilweise gut zusammenfasst. Die Fallbeispiele fand ich sehr wichtig, weil sie es schaffen, soziale/religiöse Gruppen nicht pauschal zu verdammen und auch positive Aspekte zu zeigen. Gut gefiel mir die Betonung, dass eigentlich die Kernfamilie der entscheidende Faktor ist, was ein gesundes Aufwachsen von Kindern angeht – und dass Beziehungsarbeit für Lehrkräfte gerade mit solchen Kindern unendlich bedeutsam ist.
Insgesamt gab es jedoch durchaus Redundanzen zwischen den Kapiteln und Bereichen des Buches, die etwas gestraffter sein könnten.

Leseempfehlung:
Wer seinen auf alltäglichen Beobachtungen und eigenen Einschätzungen basierenden Umgang mit Kindern aus Filterblasenfamilien professionalisieren möchte, findet hier eine solide Grundlage. Da wohl so ziemlich jede Lehrkraft, je nach dem Einzugsgebiet der Schule, mehr oder weniger häufig damit konfrontiert sieht, schadet die Lektüre vermutlich keinem von euch 😉
Individuelle rechtliche Vorgaben müssen ggf. im eigenen Bundesland nachgelesen werden, da das Buch sich exemplarisch auf die baden-württembergischen Vorgaben bezieht.

Vielen Dank an die v&r-Verlage für das Rezensionsexemplar!

Katha

Gedichte, Grammatik und Gruppenarbeit mit Tablets (die Zweite)

Heute möchte ich, wie angekündigt, eine weitere Idee zum Generativen Schreiben mit euch teilen. Die Hintergründe könnt ihr, sofern noch nicht geschehen, hier nachlesen.
Besonders spannend für mich war es, dass mich vier meiner LAA als Hospitant*innen begleiteten. Falls Sie dies lesen: Toll, dass Sie dabei waren! Die Kinder waren am Folgetag ganz traurig, dass ich allein kam.

So vorbereitet, aber leer, war meine Pinwand zu Beginn. Weiter unten sieht man Ergebnisse der Kinder.

Anmerkung zur Zeit: Dieses kleine Vorhaben war für eine Stunde angedacht, hat aber zwei benötigt – also am besten gleich eine Doppelstunde ansetzen.

Einstieg
Zuerst wurde das Gedicht „Komm, wir kehren die Straße“ vorgestellt und inhaltlich geklärt. Begriffe wie kehren und Pfennig benötigten eine Übersetzung in modernes Deutsch. Dann stellte ich den Auftrag vor, dass wir heute selbst auf die Suche gehen wollen und quasi die Straße mit Hilfe von Fotos „kehren“ werden (was doch etwas abstrakt für die Drittklässler war). In Dreiergruppen sollten die Kinder auf dem Schulgelände auf Fotosafari gehen und mit der Tablet-Kamera Dinge ablichten, die auf dem Boden liegen. Außerdem sollen danach diese Dinge ins Gedicht eingebaut werden. Nach Klärung aller Fragen und Gruppenaufteilung ging es dann für zehn Minuten los nach draußen.

Arbeitsphase
Zurück im Klassenraum, bekamen die Kinder von mir einen Zettel mit einem QR-Code (s. 2. Foto) und gelangten so zu ihrer Spalte in der vorbereiteten TaskCards-Pinwand (s.o.). Die Pinwand hatte ich so vorbereitet, dass ich alle Gruppen nebeneinander sehen kann, die Kinder aber während der Arbeitszeit nur ihre eigene Spalte sehen. So ist die Übersichtlichkeit höher und jede Gruppe konnte wirklich ohne Ablenkung für sich arbeiten.

Nun galt es, die Fotos hochzuladen und das Gedicht als Gruppe zu vervollständigen. Diese beiden Teilaufgaben demonstrierte ich kurz von meinem Tablet aus via Beamer und unterstützte ggf. einzelne Gruppen, wenn etwas nicht klapptt. Zum Glück ist TaskCards aber so intuitiv nutzbar, dass es wenige Probleme gab. Die Reihenfolge beim Arbeiten war mir gleich – die Kinder haben größtenteils immer ein Foto hinzugefügt und dann die entsprechende Zeile im Gedicht geschrieben.

Abschluss
Für ein paar Minuten trafen wir uns am Ende nochmal im Plenum und schauten uns die vollständige Pinwand mit allen Gedichten und Fotos an*, auch wenn noch nicht alle ganz fertig waren. Ursprünglich hatte ich folgenden Plan: Wir überlegen, an welchen Stellen die Gedichte noch etwas verfeinert werden könnten, z. B. durch das Einfügen eines beschreibenden Adjektivs. Dazu sind wir nicht mehr so ganz gekommen und haben deshalb nur beispielhaft zwei Textzeilen besprochen und Vorschläge gesammelt („das grüne Blatt“ / „das zerknitterte Blatt“ / „das verwelkte Blatt„). Dies konnte ich dann aber am nächsten Tag nochmal aufgreifen und vor der Arbeitsphase kurz von den Kindern wiederholen lassen.
Erst am Ende dieser noch drangehängten zweiten Stunde konnten wir dann fast alle Gedichte fertig lesen. Zwei Gruppen stellten vor, bekamen ihren wohlverdienten Applaus und eine Würdigung ihrer gelungenen Umschreibungen. Das Highlight war „eine getarnte Spinne„, die so gut getarnt war, dass man sie auf dem Foto kaum sah 🙂

Fazit
Wenn ich Bedienkompetenzen an Medien schulen will, wähle ich dafür i. d. R. Inhalte aus, die zwar fachlich zu rechtfertigen sind (hier: Akkusativ), aber nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. Dennoch haben wir begleitenden Lehrkräfte in allen Gruppen Gespräche über die Artikel geführt und die Kinder selbst erhören lassen, dass „Ich finde ein Ohrring“ so nicht stimmt. Auch über Großschreibung und Rechtschreibung überhaupt haben wir an vielen Stellen heute aktiv nachgedacht. Die Klassenlehrerin kann also guten Gewissens zwei Deutschstunden ins Klassenbuch schreiben und dennoch haben die Kinder bei den überfachlichen Kompetenzen wie Zusammenarbeit und im Bereich Medienkompetenz eine Menge gelernt. So soll es sein!

Gruß
Katha

* Ich habe mich entschieden, über mein Tablet & den Beamer die volle Ansicht mit den sechs Spalten zu zeigen, damit wir ein gemeinsames optisches Ziel haben. Ich hätte auch fix die Berechtigungen der Gruppen auf kompletten Lesezugriff stellen können – dann hätte jede Gruppe alles gesehen und nicht mehr schreiben können, aber eben auf verschiedenen Geräten.

Gedichte, Grammatik und Gruppenarbeit mit Tablets (die Erste)

Heute möchte ich eine Idee mit euch teilen, die sich recht flott umsetzen lässt: das generative Schreiben von Gedichten, angelehnt an das Demek-Konzept. [Demek: „DEutsch in MEhrsprachigen Klassen“ – Anregungen nicht nur dür den DAZ-Unterricht, zusammengestellt an der Uni Köln]
Mit einer dritten und einer vierten Klasse habe ich je eine Stunde gearbeitet und dabei die technische Unterstützung einer Taskcards-Pinwand genutzt, die die Kinder mit Tablets öffnen.

Der Grundgedanke des Generativen Schreibens nach Gerlind Belke ist, dass Kinder durch das Spielen mit Sprache, das Imitieren von Satz- oder Textstrukturen implizit grammatische Bildungsregeln lernen. In diesem Blogeintrag habe ich dazu schonmal geschrieben. In meinen beiden Stunden habe ich einmal das Gedicht „Der Frosch ist krank“ aus dem Demek-Material genutzt und einmal das Gedicht „Komm, wir kehren die Straße“ von Ursula Wölfel. Beim ersten Gedicht wird das Tier ausgetauscht und somit der Genus des Textes verändert, außerdem wird ein neues Verb für das Tiergeräusch oder eine andere Tätigkeit benötigt. Der zweite Text übt das Bilden des Akkusatives implizit, wobei die Kinder selbst wählen, ob sie die Gegenstände mit oder ohne Adjektiv nutzen.
Heute stelle ich die Stunde zum Frosch vor, die nächste folgt in etwa zwei Wochen.

Quelle: Demek-Material (s.o.)

Einstieg
Zuerst habe ich den Viertklässlern das Gedicht „Der Frosch ist krank“ vorgestellt (Bild von meinem Tablet an die Wand gebeamert) und inhaltlich geklärt. Die Ofenbank mussten wir gemeinsam verstehen lernen und haben dann noch darüber gesprochen, wie man sich bei krnakheit fühlt und warum eine Ofenbank dann ein glorreicher Ort „to be“ ist.
Dann stellte ich den Auftrag vor, dass wir heute selbst Gedichte verfassen werden mit anderen Lebewesen darin. Beispielhaft haben wir mündlich „das Pferd ist krank“ und „der Hund ist krank“ durchgespielt und kurz darüber gesprochen, an welchen Stellen sich jede Zeile verändert und warum (Frosch/Hund) evtl. auch nicht. Ich stellte den Kindern die TaskCards-Pinwand vor und sie erklärten, wie man mit dem QR-Code dorthin kommt – das kennen sie schon. Ich zeigte die vorbereitete Pinwand ebenfalls via Projektion. Dann bekamen die Kinder den AA, in ausgezählten Dreiergruppen mindestens ein neues Gedicht zu schreiben. Kurz zeigte ich noch die Möglichkeit, in TC einen Zettel zu duplizieren, falls mehrere Gedichte verfasst würden. Jede Gruppe bekam nun ein Tablet und einen Zettel mit einem QR-Code und gelangen so zu ihrer Spalte in der vorbereiteten TaskCards-Pinwand* (s.u.).

Arbeitsphase
Zügig fingen die Gruppen mit dem Schreiben an und machten dabei keine sprachlichen Fehler. Hier griff die „Differenzierungsmaßnahme“ Kleingruppenarbeit gut, denn es gab schon Fragen wie „das Pferd oder die Pferd?“. Alle Gruppen haben auch ein zweites Gedicht zumindest begonnen – den Ertrag von gut zehn Minuten Arbeitszeit seht ihr unten.

Als ich alle Gruppen wieder zusammengetrommelt und ihre Aufmerksamkeit bei mir hatte, machte ich das Angebot, Bilder der Tiere hinzuzufügen, das auf große Begeisterung stieß. Hier kommt nun also der mediendidaktische Schwerpunkt** der Stunde zum Tragen: es galt, rechtlich auch wirklich nutzbare Fotos zu finden! Viele Viertklässler kennen die Google-Bildersuche und sind geübte „Screenshotter“. Meine Info, dass das meist verboten sei, war ihnen unangenehm – aber ich bot ja eine Lösung an.
Gemeinsam öffneten wir im Browser am Tablet einen neuen Tab und surften zu pixabay.com. Hier bedurfte es keiner weiteren Erklärung außer dem Hinweis, dass die erste Reihe Bilder kostenpflichtig ist. Alle durften nun ein Bild auswählen und öffnen. Schritt für Schritt speicherten wir nun die Bilder mit meiner Anleitung über den Beamer. Das Navigieren zurück zum Tab mit der TC war dann auch nochmal spannend, das Einfügen des Bildes hingegen ein Klacks.

Screenshot der Pinwand mit den Ergebnissen der Kinder Alle Bilder darin, auch der Hintergrund, stammen von Pixabay und müssen nicht gesondert belegt werden.

Abschluss
Für ein paar Minuten schauten uns die vollständige Pinwand mit allen Gedichten und Fotos an, auch wenn noch nicht alle ganz fertig sind. Die Begeisterung der Kinder war groß, die restliche Zeit hingegen nicht. Eine Würdigung der erarbeiteten Inhalte oder Reflexion der Bilder-Arbeit schafften wir nicht mehr. Die Frage der Kinder, ob wir denn noch weitermachen könnten, habe ich dann bejahen können. Also geht es nächste Woche nochmal weiter: Gedichte kontrollieren oder schreiben, Bilder suchen und einfügen. Dann aber mit Reflexionszeit und einem dicken Lob für die Kinder.

Für heute ende ich hier und liefere die ähnlich aufgebaute Stunde zum Straßenkehrer demnächst nach.
Katha

* Endlich habe ich mal wieder Gelegenheit, auf diese Funktion der verschiedenen Berechtigungen zurückzugreifen und euch hinzuweisen: ich habe 6 Berechtigungen angelegt und jeder Gruppe für ihre Spalte Schreibrecht zugewiesen und die anderen Spalten gesperrt. So kann jede Gruppe sich auf ihre Arbeit konzentrieren, ohne von aufploppenden Ergebnissen der andern abgelenkt zu werden. Am Ende des Arbeitsprozesses kann ich schnell die Berechtigungen auf komplettes Leserecht stellen, so dass alle alles sehen und nichts mehr ändern können. So in etwa kann das aussehen:

** Wenn ich Medienarbeit vertiefe, so wie hier die Bildersuche, dann setze ich den Anspruch meines Fachinhalts eher niedrig an. So arbeiten wir zwar schon fachlich und auch nicht umsonst, haben aber mehr kognitive Kapazitäten frei für das, was wirklich neu und dementsprechend anspruchsvoll ist.

Ein ganz besonderer Stempel

Eine liebe Kollegin schulte heuer wieder eine erste Klasse ein. Sie hat seit mehreren Durchgängen das gleiche Klassentier (naja, mehrere Generationen der gleichen Art…) und zeichnet dies gern auch mal unter Schülerarbeiten etc. So kam bei mir die Idee auf, ihr einen Stempel zu schenken, um das etwas zu verienfachen und trotzdem persönlich zu halten.

So sieht der jetzt aus:

Und so bin ich dazu gekommen: Zuerst habe ich die Kollegin um eine ihrer Zeichnungen gebeten. Diese habe ich dann in Goodnotes eingefügt und mit dem Stift nachgezeichnet, da ich eine reine Strichzeichnung nutzen wollte. Jedes andere Grafikprogramm tut es auch, aber in GN bin ich eben am sichersten.
Danach habe ich die Grafik gespeichert und in Canva weiter gearbeitet: eine Vorlage für einen „Stempel rund“ rausgesucht, die Texte angepasst und mittig die Strichzeichnung eingefügt.
Mit dem gespeicherten Endprodukt bin ich zum Stempel-/Druckmenschen vor Ort gegangen, der mir daraus einen Perpetuum-Stempel angefertigt hat. 😎 [Geht sicherlich auch einfacher, wenn man ein schönes Grafikprogramm beherrscht, aber das tu ich eben nicht…]

Gruß
Katha

Bedürfnisaufschub (Exekutive Funktionen)

Da ich zuletzt gehäuft in Kontakt mit dem Konstrukt der „Exekutiven Funktionen“ in Kontakt gekommen bin und mir zuletzt vor allem der Begriff „Bedürfnisaufschub“ bei Kindern begegnete, muss ich mir heute mal ein paar Gedanken dazu vom Herzen schreiben.

Vorab: Exekutive Funktionen sind ein Thema, das vor allem über den Sport zur Zeit Einzug in Schulen hält. Hier finde ich es ganz übersichtlich zusammengefasst. Die bei Kindern zu fördernden Funktionen sind Inhibition (Bedürfnisaufschub), Arbeitsgedächtnis und Kognitive Flexibilität – und hier merken auch Nicht-Sportlehrkräfte schnell, dass diese nicht nur in der Turnhalle benötigt werden.

Eine weitere Wahrnehmung: Ein Grund, warum viele Lehrkräfte darüber klagen, dass das Unterrichten immer schwieriger wird, ist die fehlende oder schwach ausgeprägte Fähigkeit einiger SuS, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen oder aufzuschieben sowie die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und ihre eigenen ggf. unterzuordnen. Auch Eltern fallen immer häufiger dadurch auf, dass sie nur die Bedürfnisse ihres Kindes im Blick haben und durchsetzen wollen, ohne Rücksicht auf Lehrkräfte, die Klasse oder schulische Belange zu nehmen (diese zu sehen?). Auch ich selbst habe schon oft gestöhnt über solche Vorgänge, eltern- wie kinderseits.

Wohin ich eigentlich möchte, weil es mich bewegt: Mir scheint es, als habe unsere Gesellschaft in großen Teilen verlernt, Bedürfnisse aufzuschieben. Das betrifft bei Weitem nicht nur die Kinder – aber bei denen fällt es in einem so hierarchischen und historischen Rahmen wie Schule eben schneller auf.
Als ich ein Kind war, konnten wir immer genau eine Folge unserer Lieblingsserie schauen und mussten dann auf die nächste Woche warten. Wenn etwas bestellt wurde, wartete man eine vorher unbekannte Zahl an Tagen darauf. Läden schlossen meist um 18 Uhr, vielerorts gab es auch noch Mittagspausen. Wenn ich meine Lieblingsmusik hören wollte, musste ich die entsprechenden CDs kaufen oder sonntags mit dem Kassettenrecorder versuchen, meine Lieblingslieder aus der 1Live-Hitfahrzentrale mitzuschneiden. Wollten wir etwas recherchieren, gingen wir in die Bücherei. Wollten wir einen Film sehen, war die Videothek unser Ziel. Ich könnte diese Aufzählung beliebig lang fortsetzen.
Heute bekomme ich fast alles sofort: Musik, Serien, Filme kann ich streamen, wann und wo ich will. Online erfahre ich zu jedem möglichen Thema eine Menge und zwar sofort. Bestellungen aus dem Netz kommen oft morgen an. Können wir noch Bedürfnisse aufschieben? Halten wir es aus, etwas nicht sofort oder baldmöglichst zu wissen, sehen, hören, erhalten?

Ich beobachte in meiner kleinen Familie, dass weder wir Erwachsenen noch die Kinder viele Bedürfnisse aufschieben müssen. Dennoch habe ich von Beginn an bei meinen Kindern Wert darauf gelegt, dass nicht jeder Wunsch erfüllt wird, dass sie auch mal unbequeme Dinge erledigen, dass sie das Abwägen von Bedürfnissen der Familienmitglieder lernen. Der Kindergarten hat zum Glück genauso gearbeitet und mit den wachsenden Kompetenzen der Kinder mehr von ihnen gefordert. So kann ich zumindest hoffen, dass meine Jungs in der Schule und im Leben drumherum nicht diese Kinder sind, die ihre Interessen rücksichtlos durchsetzen, weil sie einfach kein „nein“ oder „später“ gewöhnt sind.

Im Bekanntenkreis, in der Öffentlichkeit und in den Medien erlebe ich häufig Familien, die das Erfüllen aller Kinderwünsche als oberste Priorität und Erziehungsmaxime anzusehen scheinen. Möglichst viel Spielzeug zu haben, zählt mancherorts als „gute Erziehung“. Den Kindern alle Hürden wegzuräumen (Hilfe, Helikopter!) scheint bei anderen eine gute Elternschaft auszumachen. All dies und unser Vorleben von „ich kann alles sofort haben“ durch uns Erwachsene führen dazu, dass tatsächlich immer öfter Kinder in unseren Klassen sitzen, die einen Bedürfnisaufschub einfach nicht kennen. Was das für die Arbeit mit einer Klasse bedeutet, brauche ich hier niemandem zu erklären.

Ich bin kein Fan von einem weiteren Projekt oder Unterrichtsthema, das wir auf unsere eh schon vollen Lehrpläne obendrauf packen. Das Thema „Exekutive Funktionen“ besticht für mich in seiner Sichtbar- und Bewusstmachung: viele Übungen und Spiele (u.a. im Sportunterricht) fördern die EF. Wenn man diese bewusster einsetzt und mit Reflexionsphasen ergänzt, kann man ganz ohne Extraprogramme sicher viel für seine Klasse gewinnen.

So, gut für heute. Gesellschaftskritik ist immer schwierig.
Katha